Alltag

ALLTAG

Aufgewacht. Schweißgebadet. Ein Kissen verschwunden. Doch nicht. Wiedergefunden. Lag auf dem Boden. Was ist mit meinem Schlaf los? Realität, ich komme. Verpennt. Realität, ich bin auf jeden Fall auf dem Weg. Erstmal: Espresso. Immer noch nicht da. Noch ein Espresso. Koffein ist keine große Hilfe. Bad. Geduscht. Immerhin sauber. Boxershorts. Jeans. T-Shirt. Weiß. V-Neck. Brust rasiert. Fresh. Bereit für den Tag. 10 Uhr. Ist das früh? Oder schon zu spät? Mail-Programm öffnen. Zwölf neue E-Mails erhalten.

Out of office bis ersten August. Out of office ab ersten August. Vielen Dank Luc, ist alles gut angekommen. Super, gerne. Liebe Grüße zurück. Neue E-Mail erstellen. ERSTELLEN! Eine Worteigenproduktion. Wie sieht’s aus? Schon was neues? Liebst, Luc. Antwort: PPM ist morgen. WTF ist PPM? Google: Parts per million. Hä? Nee. Weitersuchen. Pre-Production-Meeting. Ah ja. Entscheidungstag. Fancy. Handy. Anonym.

„Hallo?“

Keine Antwort. Aufgelegt.

Radio an. I do I do I do yeah hallelujah, Beatsteaks. Gute-Laune-Song für alle Menschen, die gute Laune gut gebrauchen können. Vor Mittag brauche ich viele gute Laune. I do, really, yeah. Türklingel. Aufstehen. Mist. Rücken. Autsch. Alter? Ab 30 geht’s nur noch bergab. Durchhalten.

Mikrofontaste gedrückt halten:

„Hallo?“

„Äh Paket Lieferung Hallo Hallo aufmachen für Nachbar nicht da ist annehmen sie gerne dankeschön sie aufmachen sehr nett danke wäre.“

Unterschrift hier bitte. Unterschrift da gerne. Schönen Tag. Ebenfalls. Tschüss.

Dritter Espresso und immer noch keinen Hunger. Immer noch nicht wirklich wach, aber schon ein fremdes Päckchen angenommen. Es sind die kleinen Dinge. Oh mein Kopf. Kein Kater. Nur das Chaos. Der Kopf macht, was er will. Ich will mehr, mehr von dem, was ich will. Ich weiß, was ich nicht will. Ich weiß nur nicht, was es ist. Gedanken. Und was jetzt? Was noch? Wie lange denn noch? Der Mensch strebt die Unendlichkeit an. Sein größtes Ziel, dass das nie aufhört, das Denken, das Mehrwollen. Das haben sie im Radio gesagt. Ich weiß nicht, ob das wahr sein kann. Ich weiß, dass sein größtes Ziel nicht erreicht wird. Ewiges Leben. Endlichkeit, steh mir bei. Was strebe ich eigentlich an? Ruhe. Lautlos. Der innere Frieden ist ein Arschloch. Mehr Gedanken. Ich muss dem Punkt, nicht dem Ende, endlich näherkommen. Sinngemäß. Metapher und so weiterSatzzeichen sind überschätzt, immer gewesen.

To-do-Liste: Roman. Drehbuch. Diese Kolumne. Werbung zusammentexten. Steuererklärung. Mehrwertirgendwas. Krankenkasse? Was wollen die denn schon wieder? Mehr Geld. Warum werde ich eigentlich nie krank? Hauptsache gesund, sagt die Werbung. Hauptsache alles abgesichert, wenn nicht, sagt Frau Krankenkasse. Punkt 12, sagt RTL. Herzlich willkommen, haben Sie das Herz auf der richtigen Seite? Ich schau kurz nach. Glück gehabt. Weitermachen.