ALLES UMSONST

Trust Revolt

Vergesst den Geschichtsunterricht. Vergesst die Werte, die man uns früher mit auf den Weg gegeben hat. Vergesst auch, dass wir aus Fehlern lernen müssen, dass Frieden, Toleranz und Gespräche auf Augenhöhe wichtig sind, um zusammen weiterzukommen, sich weiter zu entwickeln. Alles ist gratis. Alles darf gesagt werden, nichts hat Konsequenzen. Die Substanz ist ein Märchen, aber der Grafiker staubt Monstergagen ab. Ey, der muss schließlich auch nur Geld verdienen. Familie ernähren. Urlaub buchen. Das ist völlig klar, Ethik ist so 80er.

Es dürfen wieder Zähne gezeigt werden, der Stärkere haut dem Schwächeren endlich wieder aufs Maul und wer nicht hören will, muss fühlen und wer schön sein will, muss leiden. Sprüche sind die neue Verhandlungsstrategie und Niveau ist vielleicht doch nichts anderes als eine Hautcreme, die mit etwas heißer Luft schneller trocknet, abbröckelt, als die falschen Haare irgendeines machtgeilen Irren. Neulich wurde ich mal wieder fast Zeuge (ja, das passiert mir irgendwie öfter) von einer Schlägerei, weil eine Gruppe präpotenter Trottel einen anderen präpotenten Trottel anpöbelte, mit einem dummen Spruch:

„Ey, du bist doch schwul. Du bist schwul, du, lutsch meinen Schwanz.“

Darauf der Konter: „Ich bin schwul? Ah ja? Dann komm her! Komm doch her! Was beleidigst du mich? Hä?“

Wie gerne hätte ich geantwortet, wäre ich angepöbelt worden, dass ich mit Freude seinen Schwanz lutschen würde. Aber mich pöbelt ja niemand an. Fellatio als Beleidigung? Hä? Wie traurig kann ein Mensch nur sein?

Entschuldige, lieber Leser, meinen etwas schroffen und vulgären Ton, aber es ist unvermeidbar in diesem Fall. Was hätten diese Jungs den Ordnungskräften gesagt?

Polizist: „Was war denn los?“

Präpotenter Trottel: „Die haben gesagt, dass ich schwul bin!“

Immer mehr, und nicht nur im Internet, wird man Zeuge von Men-schen, die grundlos aus völlig intelligenzbefreiten Motivationen heraus aufeinander losgehen, physisch und verbal. In der Politik, in Kneipen, vor Clubs, im Straßenverkehr. Erst kam das Wort, dann die Faust. Es bleibt ein „äääähh, aber…“. Es ist sicherlich nicht alles schlecht, aber mitnichten alle Arbeit getan. „Sexuelle Orientierung“ oder Sex als Argument für „Bock-auf-Schlägerei-Menschen“. So langsam könnte es damit reichen. Willkommen in den neuen Zeiten, in welchen die Länder auch wieder Bock auf Atomkrieg und „Journalisten einsperren“ haben. Es sind beängstigende Warnsignale, die man ernst nehmen muss und ich nehme sie ernst und viele andere Menschen auch, aber was dann? Eine Kolumne schrei- ben hilft auch nicht weiter. In Kneipen debattieren? Wahrscheinlich auch nicht. Wo kommt dieser Hass her? Dieser sinnlose Hass. Angst, sagt man. Angst ist der Nährboden, aber warum entsteht aus Angst keine Empathie und Lust auf Frieden?

Vielleicht bin ich einfach ein hoffnungsloser, naiver Romantiker, der einfach nur möchte, dass alle sich lieb haben. Peinlich, was?