Kafka

KAFKA IM KRIEG

Sie sind gekommen, um mich zu holen. Zwei Männer. Weiße Anzüge. Ein Rothaariger und ein Blonder. Der Rothaarige hat Sommersprossen, keine hübschen Sommersprossen. Nicht solche, die das Gesicht verniedlichen. Der Blonde ist außergewöhnlich dick, ja, fett könnte man sagen, und ungepflegt. Wie typische fette Ungepflegte eben aussehen, so sieht auch dieser aus.

„Wir müssen Sie mitnehmen, Herr Ab.! Herr Ab., Sie werden es nicht verstehen, Sie müssen trotzdem mit. Es ist wichtig, wir haben kaum Zeit zu verlieren. Sie müssen gehorchen. Tun Sie das nicht, sehen wir uns gezwungen, und das bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, Sie sofort umzubringen. So sieht es das Gesetz vor. Ihr Sohn ist verschwunden. Sie bestimmen, wie es weiter geht. Ihre Frau ist bereits tot. Wir hatten keine andere Wahl. Das müssen Sie uns glauben, wir töten schließlich nicht aus Spaß. Das ist unser Beruf. Wir sorgen für Ordnung. Das versichern wir Ihnen. Wenn Sie mitkommen, sehen Sie Ihren Sohn auch wieder. Vielleicht. Das können wir Ihnen leider nicht versprechen.“, erklärt mir Blond.

Ich will von den beiden Herren wissen, es genau wissen, wieso ich mit soll. Was der Grund wäre. Der konkrete Grund. Eine Frage, die, wie ich finde, absolut gerechtfertigt ist. Nur weil meine Frau tot ist und mein Sohn verschwunden, muss ich doch nicht gleich mit. Ich wurde ordentlich erzogen, ich soll nicht und niemals mit wildfremden Menschen mitgehen, besonders nicht dann, wenn ich gezwungen werde. Man mir mit dem Tod droht.

Würden Sie da mitwollen? Nein, würden Sie nicht.

In Kriegszeiten sind Drohungen jeglicher Art sehr ernst zu nehmen. Das habe ich verstanden, nein, da mache ich mir auch nichts vor. Aber ich bin ein großzügiger Mensch, ich drücke im Rahmen besonderer Anlässe gerne ein Auge zu. Ich will also lediglich von den beiden Herren wissen, was ich verbrochen, getan, missverstanden habe. Dann komme ich eventuell mit. Da lasse ich mit mir reden. Vielleicht.

Bin ich zu teuer? Was koste ich denn?

Sie wollen doch alle immer nur Geld. Sie brauchen alle einen Grund. Geld ist immer ein Grund. Nun, ich habe kein Geld. Ich will aber auch kein Geld. Mein Großvater pflegte zu sagen, dass Geld dumm mache. Und dumm will und wollte ich nie werden. Ich habe nie etwas verlangt, will also jetzt auch nichts abverlangt bekommen. Wenn diese beiden Herren gekommen sind, um etwas zu holen, was ich nicht geben kann, kriegen sie nichts. So schwer zu verstehen dürfe das nicht sein.

Es geht hier nicht um Recht, darauf weisen die beiden Herren mich fast freundlich hin. „Nicht um Ihr Recht“, näselt der Rothaarige etwas befremdlich dämlich, aber betont streng.

Der Blonde nickt zustimmend. Der Rothaarige und der Blonde wollen mir unmissverständlich klar machen, dass ich keine Rechte habe. Nicht annähernd Rechte besitze. Kurz, ich habe zu tun, was die Herren mir zu tun geben. Tue ich das nicht, tun sie mir weh. Die Situation ist klar und deutlich.

Der Rothaarige kaut an seinen Fingernägeln. Der Blonde versucht, schätzungsweise, 20 Sekunden lang einen kleinen Notizblock aus seiner Hosentasche herauszuziehen. Nachdem ihm das gelungen ist, kritzelt er kurz was rein und packt es zurück in die Hosentasche. Wichtigtuerei. Drei Menschen in der Küche. Wir schweigen und starren uns gegenseitig an. Ich denke.

Vielleicht ist es auch meine Haarfarbe, mein schwarzes, gepflegtes Haar, mein über die ganze untere Gesichtshälfte gleichmäßig verteilter Drei-Tage-Bart. Oder sind es meine fehlenden Sommersprossen? Das ist mir gleich aufgefallen, als die beiden Herren meine Wohnung betraten. Ich habe viel bessere Haut, viel besseres Haar. Mein gesamter Kopf – und Gesichtsbereich ist viel besser ausgestattet und gepflegt.

Leute wie wir achten auf unser Äußeres. Aber das kann doch nicht der Grund sein, dass die beiden Herren so schlecht auf mich zu sprechen sind, Neid hin oder her. Sind es die Bücher hier? Mögen die Herren die Bücher nicht? Regale voller Bücher: Geschichten, Philosophie, Religion und Ratgeber. Ist es denn mittlerweile nicht mehr erlaubt, Bücher zu lesen? Das wäre sehr traurig. Meine Frau hat übrigens auch sehr viel gelesen. Kennen Sie Kafka? Jeder kennt Kafka. Die zwei Männer zeigen auf die Uhr, es ist Zeit.

„Hat er Ihnen nicht verboten mich aufzusuchen? Mir mit dem Tod zu drohen? Ich habe Ihn leider nicht erreichen können. Aber hätte ich ihn erreicht, wenn er denn erreichbar wäre, würde er Ihnen sofort erklären wieso und um welches Missverständnis es sich hier handelt. Weiß er denn von diesem Vorfall hier?“, frage ich die beiden Herren.

„Ja.“, antwortet Blond.

„Ja, was?“, antworte ich.

„Was, ja?“, antwortet Blond.

„Ist völlig irrelevant“, antwortet Rot.

„Nicht wenn Sie behaupten, er wisse von diesem Vorfall“, behaupte ich.

„Von wem reden Sie denn?“, fragt Rot.

„Von wem reden Sie denn?“, frage ich.

„Irrelevant.“, behauptet Blond.

„Antworten!“, schreit Rot, er ist wütend.

Wäre ich wohl auch an seiner Stelle.

„Kennen Sie Kafka?“, frage ich.

„Sie sind ein Abel, vergessen Sie das nicht!“, antwortet Blond.

„Menschen aus Abel sind nicht für ihre Vergesslichkeit bekannt. Vergessen Sie das nicht“, antworte ich.

„Kafka hilft Abels nicht!“, behauptet Rot.

„Aber kennen tun Sie ihn nicht?“, frage ich ein zweites Mal.

„Auch der amerikanische Präsident hilft Abels nicht“, antwortet Rot.

„Wieso sollte der uns helfen?“, frage ich.

„Ja“, antwortet Blond.

„Was ja?“, frage ich.

„Ja, Kafka. Kafka, Kafka, Kafka. Auf den berufen sich alle. Glauben Sie nicht, dass immer dann, wenn Sie in Not stecken, der amerikanische Präsident Ihnen helfen kann. Und wissen Sie was? Kafka ist tot. Wir haben ihn ermordet. Sie haben gegen das Gesetz verstoßen. Alles andere interessiert uns nicht“, antwortet Rot.

„Aber gegen welches Gesetz habe ich denn verstoßen?“, frage ich.

„Der Prozess wird Ihnen heute Abend gemacht“, antwortet Rot.

„Prozess?“, frage ich.

„Natürlich!“, antwortet Blond.

„Glauben Sie, das sei alles reine Willkür?“, fragt Rot.

„Was habe ich falsch gemacht?“, frage ich.

„Sie haben alles richtig gemacht.“, antwortet Blond.

Ich habe den Verdacht, dass wir aneinander vorbeireden. Ich bemühe mich um einen letzten Versuch, den beiden Herren verständlich zu machen, dass es heutzutage doch das Internet gibt, und einen Vorfall wie diesen könne man sehr schnell klären, indem man in diversen themenspezifischen Foren nach einer Antwort sucht.

Auch ich wäre sehr an einer raschen und aussagekräftigen Antwort interessiert. Schließlich steht nicht jeden Tag das eigene Leben auf dem Spiel. Dies ist auch ein wichtiger Tag für mich. Und vielleicht haben bereits andere Menschen ihre Erfahrungen mit einem Rothaarigen und einem Blonden gemacht, die in diesem Land einen Mann aufsuchen, dessen Frau umgebracht wurde und dessen Sohn verschwunden ist. In Zeiten wie diesen ist das ja auch keine Seltenheit, Lösungen dagegen schon.

„Wissen Sie, wo mein Sohn ist?“, frage ich.

„Ja!“, antwortet Blond.

„Werde ich ihn wiedersehen?“, frage ich.

„Die Chancen sind gering, aber das kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau sagen.“, antwortet Blond.

„Werden Sie mich zu ihm bringen, wenn ich mitkomme? Versprechen Sie mir das?“, frage ich.

„Hier wird nichts versprochen. Versprechen sind Luxus. Die Zeiten sind schlecht und Sie können sich keinen Luxus leisten.“, antwortet Rot.

„Und was ist jetzt mit dem amerikanischen Präsidenten?“, frage ich ein letztes Mal.

Der Rothaarige wird nervös. Er sagt nichts, er ringt um Fassung, dann, setzt an, aber: Nichts. Er schaut rüber. Er schaut zurück zu mir, immer noch nichts. Er schaut zum Blonden und macht irgendwelche für mich nicht deutbare Handbewegungen. Blondkopf nickt und fragt mich höflich, ob ich seinem Arbeitskollegen einen Tee machen könne.

„Ich kann fantastischen Tee kochen, ich koche wahrscheinlich den besten Tee in diesem Land. Das kann ich nun wirklich besonders gut. Ich koche den allerbesten Tee, den Sie je getrunken haben. Sie werden begeistert sein“, antworte ich.

„Espresso, ich will Espresso“, so Rot.

„Aber Ihr blonder Kollege meinte doch, dass Sie Tee trinken möchten. Habe ich das geträumt? Das haben Sie doch selbst gehört. Lügen Sie nicht!“, antworte ich.

„Falls Sie mich meinen, ich habe nichts gesagt“, lügt der fette Dicke.

„Mein Kollege hat nie gesagt, dass ich Tee trinken will. Wieso auch? Ich hasse Tee. Und Sie unterstellen uns mit Sicherheit keine Lügen. Sie nicht. Ich möchte bitte, ich sage nicht zweimal Bitte, einen Espresso. Ohne Zucker. Ohne Milch.“, erklärt ein sehr genervter Rothaariger.

Das ist aber jetzt ein wirklich sehr unangenehmer Zufall. Ich kann nur Tee kochen und die Espresso- Maschine ist leider defekt. Und sowieso ist Espresso in diesem Land nicht sehr beliebt. Die Lage ist ernst.

„Wir rauchen nur. Zigarette?“, frage ich die Herren.

„Rauchen ist ungesund!“, weist mich der fette Dicke zurecht.

„Kommt mir bekannt vor.“, antworte ich.

„Herr Ab., auf Basis einer Metapher würde ich Ihnen gerne Ihre aktuelle Situation verdeutlichen. Sie sitzen nun auf einem Stuhl. Dieser Stuhl schwankt von links nach rechts und wieder zurück nach links und rechts und links. Und Sie müssen selbstverständlich wissen, dass Sie keine Kontrolle über den Stuhl haben. Wir bestimmen, wann und ob der Stuhl nach links oder rechts fällt. Auf Ihrer linken Seite können Sie den Tod sehen, auf der rechten Seite das Leben. In diesem Moment, so kann ich Ihnen versichern, bewegen Sie sich in zunehmender Geschwindigkeit auf die linke Seite zu. Haben Sie verstanden?“, der Rothaarige versteht nun wirklich keinen Spaß mehr.

„Das habe ich bereits verstanden, als Sie reinkamen. Das steht hier aber nicht zur Diskussion. Ich kann mit beiden Seiten gut leben, nur will ich nicht leben, wenn ich dabei dauernd Angst haben muss, zu sterben, und sterben will ich nicht aus dem Grund, dass Sie mir keinen Grund geben wollen. Haben Sie das verstanden? Oder benötigen Sie eine Metapher?“, wird man doch wohl noch fragen dürfen.

Ich hatte noch nie so wenig zu verlieren. Mein Großvater pflegte zu sagen, dass Risiko der Schlüssel zum Leben ist. Dem wahren Leben.

„Wussten Sie, dass Ihre Frau fantastischen Espresso gemacht hat?“, fragt Blond.

„Sie hat wirklich fantastischen Espresso gemacht. Etwas herb, nicht zu sehr. Bekömmlich, nicht zu süß“, kommentiert Rot.

„Und mein Sohn?“, frage ich.

„Welcher Sohn?“, fragt Rot.