ERSTMAL DIE KARTE

Erstmal die Karte

B. fragt F., wie es so geht. „Gut, geht so“, erwidert F. Kuss links, Kuss rechts, Kuss links. B. und F. schauen sich an, nicht von oben nach unten, kein Abchecken, kein Tinder-Date, nicht in die Augen, immer nur knapp an den Augen vorbei. B. und F. setzen sich hin. „Endlich schönes Wetter“, sagt B. F. nickt, weil tatsächlich schönes Wetter ist. „Es ist so schönes Wetter, wenn schönes Wetter ist“, F. weiter. B. nickt jetzt auch, er ist einverstanden.

B. und F. sind um die 30 Jahre alt. Er wirkt etwas jünger. B. ist männlich, sein Smartphone liegt vor ihm auf dem Tisch, vor ihm, neben dem Aschenbecher. F. ist weiblich, ihre Zigarettenschachtel liegt mit etwas Abstand neben dem Smartphone, sie zieht eine Zigarette aus der Schachtel raus, maya steht auf der Schachtel, auffällig farbige Schachtel. Ohne Zusatzstoffe. Sie zündet sich die Zigarette an, erster Zug, einatmen, die Finger nehmen die richtige Rauchposition ein, ausatmen, sie ascht ab, kaum Asche, die in den Aschenbecher fällt.

„Es war wirklich kalt“, sagt F. und B. fügt hinzu, dass die Kälte nicht wirklich das Problem ist, aber der Regen, der Regen ist wirklich ein Problem. Einfach schrecklich. „Das stimmt allerdings, der Regen ist schlimmer als die Kälte“, so F. „Sonst so?“, fragt F. „Sonst so, ja, ein bisschen müde“, meint B. „Ja, müde, das ist wahrscheinlich… das Wetter, das Wetter, wenn es so viel wechselt, Abwechslung ist nicht gut, wenn es ums Wetter geht, das macht echt müde“, stellt F. fest. „Ja, der Wechsel ist das Problem“, ist B. völlig einverstanden. Einigkeit, was das Wetter angeht.

„Hm“, sagt F. und nimmt noch einen Zug. „Ja“, flüstert B. fast.

Der Kellner kommt an und fragt, was er Gutes für die beiden tun kann. F. denkt kurz nach, weiß, dass die Antwort, die sie wirklich auf seine Frage hat, den Kellner überfordern wird und fragt vorsichts(sicherheits)halber nach der Karte. Er bestellt ein Bier, vom Fass. Auf keinen Fall Flaschenbier. „Ein eiskaltes Bier, das kann nicht schaden“, behauptet B. und freut sich, dass er einmal nicht übers Wetter gesprochen hat.

„Ich glaube, ich nehme einen kleinen Rotwein“, so F. zum Kellner, der, währenddessen er das Erdnussschälchen auf den Tisch zwischen Zigarettenschachtel und Smartphone legt und das hoffentlich eiskalte Bier ein paar cm vor das Smartphone auf den Tisch stellt, nachfragt, ob sie jetzt denn weiß, was sie trinken will.

„Alles klar“, kurzes professionelles Grinsen vom Kellner.

Das Smartphone klingelt, ein Foto einer anderen weiblichen Person erscheint auf dem Bildschirm, irgendwas mit „J“ am Anfang und „a“ am Ende, annehmen?

Dass er kurz rangehen muss, sagt er, dass sie heute Abend… „ist schon klar“, sagt sie, „soll er doch machen“, sagt sie. Er zögert kurz und nimmt den Anruf an. Das Foto verschwindet hinter der rechten Kopfseite. „Ich bin noch, ja, genau, ich… ja, mit, ja, mit ihr… ich rufe dich zurück, ich… äh… ja, dauert nicht mehr lang, bis gleich, tschüss“, verabschiedet er sich und beendet das Gespräch.

„Dauert nicht mehr lang?“, fragt F. „Du weißt doch, wie ich das meine“, antwortet B., etwas peinlich berührt. „Ach, weiß ich das?“, hakt sie nach. Nächste Zigarette. Dann vibriert das Gerät, brr-brr-brr-brr, da hat wohl jemand „Herzschlag“ unter Vibration eingestellt. Sie schaut aufs Handy. Eine Nachricht. Dann noch mindestens zehn weitere. „Ist sie eifersüchtig?“, will F. wissen.

Der Kellner bringt den Rotwein. F. greift in ihre linke Hosentasche und legt zehn Euro auf den Tisch, trinkt den Rotwein auf ex, drückt die nicht einmal halbgerauchte Zigarette aus und geht. Er reagiert nicht.