Normal

HERRLICH NORMAL

„Du bist nicht normal“, sagt A. zu B., beide stellen ihre Gläser wieder zurück auf die Tischplatte, beide lachen laut, dann etwas verlegen und B. will wissen, warum das nicht geht, warum das denn nicht normal sei, er demnach nicht mehr normal ist. „Das kannst Du nicht machen, dafür bist Du viel zu alt“, erklärt A., worauf B. ein kurzes „aber“ kontert, sich dann aber zurücknimmt und nur noch anmerkt, dass es ok ist, es keinen Sinn macht, weil A. es einfach nicht verstehen kann, womöglich nicht verstehen will. Verlegene Stille.

Normal? Wenn Du wissen möchtest, ob „normal“ mit einem oder zwei „l“ geschrieben wird, Du aber dazu tendierst, dass es mit zwei „l“ geschrieben wird, googelst Du ganz einfach „normall“ und Dir wird schnell klar werden, dass es ein „l“ zu viel war, weil Google dich fragt, ob Du „normal“ meintest. Google hat Recht, das ist normal.

Demnach googelst Du jetzt das richtige „normal“ und der erste Treffer, der dir angezeigt wird, ist eine Begriffserklärung von Wikipedia, die Dir erklärt, was das Wort alles bedeuten kann, für was es steht: Normal kann ein metrologischer Vergleichsgegenstand sein. Normal war früher einmal eine Künstlergruppe.
Normal ist der Titel eines Rap-Albums von Bligg.
Normal ist ein Plattenlabel, ein Musikprojekt von Daniel Miller und ein österreichischer Musiker. Zudem heißen viele Orte in den Vereinigten Staaten „Normal“.
Auffallend, dass vieles, was sich im musikalischen Milieu abspielt, sich mit dem Wort „normal“ brüstet. Dies würde auch die normale Musik im Radio erklären. Dass Wikipedia das alles weiß, ich das einfach glaube, ist völlig normal. Ich selbst, ich weiß eigentlich nix. Ich lese nur.
Aber natürlich steht „normal“ auch für das, was die Gesellschaft, – was für ein anstrengend-bemühter Begriff -, allgemein als ok, erträglich oder verständlich empfindet. Normal ist aber auch, was sich durchsetzt.

Wenn Kinder unter kaum erträglichen Bedingungen dafür sorgen, dass ich ein bezahlbares Smartphone mit mir rumtrage, ist das völlig normal. Es ist völlig normal, dass der Kellner schief guckt, wenn jemand in einer Bar ein Glas Wasser bestellt. Schließlich trinkt man doch Alkohol in einer Bar. Auch ist es normal, dass sich die Menschen mittlerweile irgendwo in die Luft sprengen oder mit einem Lkw durch eine Masse an Menschen fahren. Das ist nicht einmal mehr ein Facebook-Profilfoto-Wechsel wert.

Wenn irgendwas eigentlich nicht normal ist, sorgt die Wiederholung mit einer Prise Gewohnheit dafür, dass „irgendetwas“ zur sozialen Norm wird. Das ist halt jetzt so, da kann man nichts ändern. Also ist es normal. Siehe Trump.

Wenn irgendein Mensch laut „Ich bin ein Schneemann und ihr seid alle kleine Schweine“ in einer Einkaufsstraße schreit und dabei heult, sieht man, wie einige Eltern ihre Kinder näher an sich heranziehen, ein paar Schaulustige ihre Handy-Kameras zücken, um das Geschehen zu filmen und dann einfach weiterlaufen, weitermachen im Leben. Sowas passiert halt. Das ist völlig normal. In unserer Welt gibt es immer ein paar Verrückte, die nicht sind wie wir, die machen einfach nicht mit. Und wer nicht mitmacht, ist nicht normal.