AUF DEN SPUREN VON…

Tinder als eine Art „Panic-Room“ für diesen trostlosen Schlag von Menschen, der immer über irgendwas hinweggetröstet werden muss, irgendwas kompensieren will oder chronisch zu wenig gestreichelt wird. Man kann sich doch auch erstmal ein Haustier anschaffen und einbilden, dass es einen liebt.

Geir war nie überzeugt von diesem „App Quatsch“ über welche sich diese durch Selbstsucht gesteuerten „digital natives“ identifizieren. Ideenlosigkeit als Event, das totale Burnout der Echtheit.

Aber tatsächlich, eins ist sicherlich wahr. Ab 60 stellt es sich als bemerkenswert schwierig heraus, kopulierungsfreudige Frauen mal eben so in einer Bar in der wirklichen, analogen Welt anzutreffen. Es sei denn, man versucht sich in der Swinger-Szene, doch der letzte Besuch, vor etwa fünf Jahren, in einem derartigen Etablissement sollte sich zu einem Desaster entwickeln, als der swingende Ehepartner, mit dessen Frau Geir gerade zu Gange war, ungefragt durch seine Hintertür eindrang. Das war ein eindeutiger Fall von „Cockblocker“, den Geir in Zukunft unbedingt verhindern möchte.

Also erwies sich die schwedische Dating-Matrix schlussendlich doch, trotz erheblicher Bedenken, als einzige Opportunität das restliche Leben nicht nur zu onanieren oder für Sex zu zahlen. Eine traurige Aussicht, die es zu meiden galt.

Erst machte sich Geir im Internet über die verschiedensten Fetische und Begriffe schlau. Vorbereitung ist alles. Von „Kaviar“, was ihm nicht so gefiel über „lazy“, was genau sein Fetisch war, heißt: hinlegen und machen lassen, was in seinem Alter auch wirklich das Unkomplizierteste darstellte, bis hin zu „Daddy“, was Frauen oder Männer als Vorliebe angeben, wenn sie auf Ältere, ab 60, abfahren. Das war also das Geheimnis. Man muss nur geduldig genug sein und möglichst lange überleben, um dann noch einmal die richtig jungen und attraktiven Frauen abzugreifen, die es kaum erwarten können, dass ein älterer, dickerer Herr über sie drüber rutscht. Das muss es also sein, das Paradies.

Alt sein kam ihm noch nie so schön vor und das Internetforum „Oldie but sexy“ strotzte nur so von „Nutzererfahrungen“, die von ihren Erlebnissen mit hinreißenden, jungen, sexy, inspirierenden Frauen schwärmten. Es sei ganz fantastisch, dass es „so viele junge Frauen mit einem Faible für alte Säcke“ gibt. Völlig unkompliziert und ohne weitere Erwartungen. Man müsse sich nur auf Tinder anmelden, ein paar Euro monatlich zahlen, um auch alle „Features“ nutzen zu können und dann sei es nur noch eine „Frage der Zeit“. Viel Zeit hatte Geir nicht mehr.

Erstmals im Rahmen von „Auf den Spuren von…“ der Literaturbeilage des Tageblatt erschienen, 23. September 2017. Dieser Text ist eine Auftragsarbeit, die auf Basis eines von mir ausgesuchten Zitats*, unabhängig der eigentlichen Geschichte, weitergeführt wurde.

* Geir begann zu schwitzen. Sein glattrasierter Schädel glänzte bereits. Bald würden sich die ersten Schweißflecken auf seinem schwarzen Hemd abzeichnen, Schnitt Slimfit. Seltsam eigentlich, da er weder slim noch fit war. Er drehte das Glas in der Hand. „Elise, du hast genau meinen Sinn für Humor, auch wenn mir mein Hund im Moment als Familie reicht. Magst du Tiere?“

Auszug aus „Durst“ von Jo Nesbø, Veröffentlichung: 15. September 2017