RÜCKBLENDE NACH VORNE / UND JETZT?

Sonntag, 24. September 2017. 14.55. Ich beginne meine Kolumne. Meine deutschen Freunde haben sich die letzten Tage täglich die Kante gegeben. Um 18.00 schließen die Wahllokale und wenn Du das jetzt liest, steht bereits fest, wie die Bundestagswahlen ausgegangen sind. Man geht davon aus, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt, über Martin Schulz wird man sagen, dass er bemüht war, aber Bemühung nicht ausreicht, um Bundeskanzler zu werden. Es mangelt an guten Alternativen, behaupten meine verkaterten, deutschen Freunde, und die AfD darf niemals eine Alternative werden, denn sie sind überzeugt, dass das A in AfD für Arschlöcher, nicht Alternative, steht.

Am Tag nach den Wahlen sagen die Leute womöglich, dass es nie soweit hätte kommen dürfen, aber nunmal gekommen ist. Die AfD sitzt ab sofort im Bundestag, feiert sich als Gewinnerin der Bundestagswahl 2017. Es folgen Berichte, Analysen, Meinungen. Dann, Alltag. Und die Hoffnung, dass man sich nie an Arschlöcher gewöhnt, die alles, nur keinen friedlichen Fortschritt, wünschen.

Fortschritt ist auch immer Veränderung. Die Berliner hatten auch die Möglichkeit, für oder gegen den Flughafen-Tegel zu stimmen. Viele unter meinen Bekannten und Freunden möchten ihren kleinen, süßen Flughafen behalten, weil er immer schon da war, weil die Wege so kurz sind, weil alles doch bitte bleiben soll, wie es schon immer war. Veränderung ja, aber ohne dass sich wirklich etwas verändert, weil Veränderung stört die Gewohnheit, und Gewohnheit steht dem Fortschritt immer im Weg. Folglich wird Angela Merkel an der Regierungsspitze bleiben, nicht weil sie die Beste ist, sondern den „Status quo“ souverän als Fortschritt verkauft. Es ist doch nicht alles schlecht. Stillstand, das neue Sexy.

„Aber Angela Merkel ist derzeit wirklich die Beste“, meint der Kellner, der sich gerade eine Raucherpause gönnt und von links hinter mir über meine Schulter hinweg auf meinen Bildschirm schaut. „Was wir (Deutschen) haben, ist ein Wahldilemma, ich wünsche mir Angela Merkel als Bundeskanzlerin, aber ich bin nicht mit der Parteilinie einverstanden, also wähl ich doch lieber die Grünen“, ergänzt er. Raucherpause fertig, ich bestelle noch einen Espresso. Und ein großes Glas Wasser. Mit Sprudel, „still“ ist mir zu langweilig.

Ich öffne meinen Internet-Browser und begebe mich auf die Internetseite der Tagesschau. „Es geht um jedes Prozent“, lautet die Überschrift, die auffordernder nicht sein könnte und man erfährt, dass sich eine deutlich höhere Wahlbeteiligung abzeichnet. In München, zum Beispiel, haben bis 12.00 bereits 57,1 Prozent ihre Stimme abgegeben. Und in Deutschland gibt es keine Wahlpflicht. Politikverdrossenheit sieht anders aus.

Meine verkaterten, deutschen Freunde gönnen sich nun, nach ihrem Gang zur Wahlurne, einen kleinen Nachmittagsschlaf. Wer wählt, darf auch schlafen und hoffentlich, verzeih mir bitte das platte Ende, nicht in einem Albtraum aufwachen.