#METOO ODER LASS ICH’S LIEBER SEIN?

Wer die letzten Wochen nicht irgendwo auf einer einsamen Insel gelebt hat, ist wohl kaum um Weinstein und #metoo herumgekommen. Und wenn ich jetzt hier darüber schreibe, ist das auch anstrengend für Dich, liebe Leserin, lieber Herr Leser. Ich weiß doch. Du hast doch jetzt genug gelesen und gehört.

Zudem sage ich womöglich nichts wirklich Neues. Frei nach Karl Valentin, dass alles schon gesagt ist, nur nicht von allen. Muss ich denn auch noch was sagen? Frei nach Fettes Brot: Ja klar, äh nein, ich mein‘ Jein. Und jetzt Trompete. Ein Bier. Und wir warten gemütlich auf den nächsten Skandal. Aber bitte nicht immer über dieses Frau-Mann-Ding. Das ist einfach zu ungemütlich, Tag für Tag, darauf aufmerksam gemacht zu werden, wie viele Menschen gegen ihren Willen zu etwas gezwungen werden oder angefasst werden, dort, wo sie nicht angefasst werden wollen.

Weißt Du noch? NEIN ist NEIN, es ist schwierig zu akzeptieren, dass in der heutigen Zeit in unserer heutigen Gesellschaft wirklich noch erklärt werden muss, dass NEIN auch wirklich NEIN und nicht JA bedeutet. Somit geht es auch nicht darum, dass alles schon gesagt ist, sondern, dass Veränderung erst dann entsteht, wenn Missstände so oft und penetrant thematisiert werden, dass ALLE sich damit beschäftigen MÜSSEN, damit sich auch tatsächlich was verändert. Wenn #metoo und #aufschrei und #ausnahmslos, nicht nur in Form eines „#“, so unübersehbar und unüberhörbar werden, dass niemand weghören oder wegschauen kann. ICH HABE NICHTS GEWUSST ist so Hollywood.

Ich finde es unerträglich, dass bestimmt fünfzig Prozent, mindestens, meiner Bekanntschaften in ihrer Statuszeile #metoo angegeben haben. Das ist ein seltsames Gefühl von „aha“ und „wie habe ich dann die letzten Jahre gelebt“? Mit verbundenen Augen, zusätzlichen Scheuklappen und verstopften Ohren? Was? Sie auch? Warum hat sie mir nie was gesagt? Ok, warum sollte sie mir auch was sagen? Warum sagt sie es Facebook?

Irgendein Wurm in meinem Ohr singt „Wann ist ein Mann ein Mann oooooohhhh… Männer kriegen keine Kinder…“.

Ich bin auch immer wieder überrascht, was mir als Erstes durch den Kopf schießt, wenn ich von einer Situation so überwältigt bin, dass ich sie schnellstmöglich mit einer einfachen Erklärung versuche kleinzureden, um das Hauptproblem schlichtweg zu verdrängen. Das ist aber keine Lösung. Außerdem weiß ich, dass mein erster Gedanke nie der Beste und schon gar nicht der Gedanke ist, den ich aussprechen sollte. Nachdenken.

Warum denken diese Leute nicht, wenn sie ihre Meinung artikulieren? Ein Kommentar auf Facebook war, dass die Frau „es nicht anders wollte“, wenn sie halbnackig auf der Gala erscheint. Eine mir bekannte Frau, Frau M., meinte, dass wenn eine Frau betrunken in der Öffentlichkeit „herumstrollt“, sich nicht wundern braucht… Ich wundere mich. Frauen sollen sich benehmen, damit Männer nicht auf dumme Ideen kommen. Ernsthaft?

Opfer werden zu Tätern, weil die Täter die Chance haben, in einer immer noch recht patriarchalischen Umgebung, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Kein Wunder, dass Grab-them-by-the-Pussy-Aussagen zwar fast schon Kult werden, doch weder strafrechtlich verfolgt, noch eine amerikanische Präsidentschaft verhindern können.

Und jetzt nochmal: Warum trauen sich Opfer von Sexismus oder sexueller Gewalt nicht einfach mal so an die Öffentlichkeit? Oder haben Angst davor? Eben.