FÜHLEN

09.11.2017. Währenddessen ich das hier schreibe, liege ich in einem Bett (mit Laptop, eingeklemmt zwischen Oberschenkel und dieser Stelle unter dem Brustkorb) in einer so trotteligen Haltung, dass ich am Ende des Artikels mich mit Rückenschmerzen herumplagen werden muss. Alles für die Kunst. Bitte. Gerne. Danke.

Noch genauer. Ich liege in einem Einzelbett in einem Vintage-Hotel in Wien, weil ich derzeit hier arbeite, was ich ganz fürchterlich finde. Nicht das Arbeiten. Dafür das „Vintage“ und das Einzelbett. Letzteres flüstert mir leise zu, dass ich für immer alleine sein werde. Und das Vintage-Zimmer verursacht mir ein thriller-ähnliches Gefühl. Nämlich, dass es bald an der Zimmertür kurz, aber wütend, klopft. Und bevor ich reagieren kann, stürmt das FBI rein, beschlagnahmt meinen Laptop und führt mich in Handschellen ab. Nach drei Monaten Verhör in Guantanamo teilt ein grimmiger, rauchender Offizier mir mit, dass ein falscher Verdacht vorlag. Man drückt mir ein paar 500-Euro-Scheine in die Hand, und ich darf mit ein paar gebrochenen Rippen zurück nach Hause.

Dieses Vintage-Zimmer hört dort auf, konsequent zu sein, wo der Fernseher anfängt. Auf einen Flatscreen-Fernseher kann der reisende Weltbürger einfach nicht verzichten. Natürlich hängt auch ein hässliches Bild an der Wand. Die Farben erinnern spontan an Russland. Das war kein politisches Statement.

Der Flatscreen-Fernseher läuft lautstark. News. Trump. Spacey. Weinstein. Ich wechsle zu „Spiegel Online“. Aha. Nun wird auch ein Star-Comedian beschuldigt, in einem Hotel-Zimmer seinen Penis „heraus“ geholt und vor zwei Frauen unerwünscht onaniert zu haben. Auf jeden Fall kursierten „in der Szene“ bereits seit längerem Gerüchte über den Comedian. Es werden womöglich noch weitere Geschichten folgen.

Zunehmend fühle ich mich unwohler. Was ist in diesem, „meinem“, Zimmer bereits alles passiert? Was wäre, wenn Hotelzimmer sprechen könnten? Würden die Hotelzimmer-Aussagen vor Gericht gelten? Was ist, wenn das Klopfen nicht das FBI wäre? Ok, weiter. Erdogan will in einem Auto chauffiert werden, was auch in der Türkei produziert wurde. Ein deutsches Auto taugt ihm nicht mehr. Irgendwie so.

Somit dreht sich die Aktualität im Großen und Ganzen um Männer, die ihre Macht missbrauchen: Sexuelle Belästigung. Vergewaltigungen. Unterdrückung von Minderheiten und Journalisten. Umwelt kaputt machen. Lügen. Die Liste ist lang. Jetzt die Klischee-Frage: War das immer schon so oder sind die sozialen Medien Schuld? Äääh.

Heute sah ich das Theaterstück „Macht und Rebel“, nach dem Roman von Matias Faldbakken, im Werk X. Es ist ein Anti-Toleranz-Gesellschaft-Theaterstück, in welchem der Autor mehr oder weniger behauptet, dass wir unsere Welt „kaputt tolerieren“. „Zu viel Gutes schadet ihren Mitmenschen“, könnte der Untertitel lauten. Nein, natürlich sagt nicht ER das, sonst wäre er doch ein schlechter Mensch, sondern seine Protagonistinnen. Letztere machen sich demnach auf die Suche nach der „richtigen Haltung“.

Inklusive sind rassistische Aussagen, aber ironisch, um Missstände aufzuzeigen. Versteht sich. Selbstverständlich dürfen frauenfeindliche Sprüche nicht fehlen, aber von Frauen vorgetragen, weil ja, ironisch. Noch eine ordentliche Prise Antisemitismus, Schäferhund, Adolf und ein paar Dildos. Et voilà: Gesellschaftskritik. Oder so.

Natürlich ALLES IMMER IRONISCH, um festzustellen, dass niemand mehr irgendwas fühlt. Endlich wieder fühlen. Irgendwas fühlen. Immerhin tut mein Rücken jetzt wirklich weh.