AUSSEHEN IST ALLES

Eine Lüge ist, wenn behauptet wird, dass Aussehen nicht so wichtig sei. Aussehen ist alles, erstmal. „Liebe auf den ersten Blick“ heißt nicht umsonst „Liebe auf den ersten BLICK“. Man verliebt sich in das, was man sieht. Nicht in das, was man glaubt, dahinter, hinter der Fassade, zu erkennen. ERSTMAL. Das hat den Vorteil, dass theoretisch jeder oder jede eine Chance bekommen kann, einfach nur, weil jede jeden oder jeder jede möglicherweise „schön“ findet. Das ist doch fair. Nicht?

Nehmen wir einfach mal an, dass A. alleine in einen Club tanzen ist und auf der anderen Seite der Tanzfläche den wunderschönen B. entdeckt. Die Musik ist hervorragend. Die Drinks schmecken. Die Stimmung ist am Kochen.

„Er sieht wunderschön aus, ich sollte ihn wirklich ansprechen. Ok, ich mach das jetzt“, denkt A. und läuft schnurstracks auf B. zu. Sie reden, flirten und schon nach 15 Minuten lässt er die Katze aus dem Sack…

„Scheiße, er wählt die Rechten und macht die Ausländer dafür verantwortlich, dass er arbeitslos ist“, ist A. enttäuscht. Damit ist Thema „B.“ erledigt.

Dumm gelaufen, aber man kann auch nicht von Mutter Natur verlangen, dass Menschen mit schlechtem Charakter immer hässlicher werden. Dass also die Oberfläche ihr Innerstes, frech wie sie ist, einfach verrät. Obwohl es ja bereits bei einigen der Fall ist, wenn man sich so vereinzelte, aktuelle Präsidenten auf diesem Erdball anschaut. Tja. Wenn nicht einmal mehr Botox hilft.

Hätte eine „tinder-ähnliche“ App, ganz ohne visuelle Nachhilfe, wo Menschen sich nur über ihre Charaktereigenschaften vorstellen, Erfolg?

„Oh, sie ist den ganzen Tag lustig.“ Wisch nach rechts.

„Oh, er mag Ordnung.“ Wisch rechts.

„Iiiih! Sie ist ängstlich.“ Wisch links.

„Nein, geht gar nicht, der ist stur.“ Wisch links.

Ich glaube nicht, dass das funktionieren würde. Innere Werte hin oder her. Am Anfang war die Anziehung, immer. Noch heikler wird es, wenn die doppelte Oberfläche, die fotografierte Wirklichkeit, ins Spiel kommt, wie es in der kleinen Geschichte, die ich am Nachbartisch in einer Bar in der Kastanienallee in Berlin mitlauschte, passierte.

Er, C., und seine hippen Freunde redeten und rauchten neben mir in einem Café in der Kastanienallee in Berlin. C. erzählte von seinem Tinder-Date, das auf Sex hinauslaufen sollte. Das hatten beide schon in „vorherigen Chats“ geklärt. Das persönliche Treffen sollte quasi „pro forma“ stattfinden. Sie, D., ließ ihn allerdings abblitzen. D. fand C. einfach nicht anziehend, sexuell. Das sagte sie ihm wohl auch genau so. Das Gespräch, das sie hatten, wo sie sich das erste Mal endlich live und nicht virtuell gegenübersaßen, fand sie zwar „ganz nett bist jetzt“, aber die Fotos waren vielversprechender, attraktiver, als das was der „Live-Moment“ hergibt. Und „sich gut unterhalten“ würde ihr eben nicht reichen und dann, Zitat C.: „Ist die Alte einfach abgehauen!“ Seine Freunde lachten ihn aus. Das, meine Damen und Herren, ist Ehrlichkeit.