BEWEGUNG!

O. ist ein Großstadtkind, aber längst zum Mann geworden. Er trägt nicht Prada, sondern Trikot, das seines Lieblingsvereins. O. ist stadtbekannt oder zumindest „stadtviertelbekannt“. Warum? Weil er da ist. Jeden Abend in diversen Kneipen vorbeischaut, nicht um ein Feierabendbierchen nach dem anderen zu kippen, sondern weil er Zeitungen verkauft: Handverkäufer. Die von seiner Lieblingszeitung, die mit der Pfote im Logo. Anteile an der Zeitung besitzt er auch. Andere Zeitungen hat er ebenfalls im Angebot, solche, die als links gelten.

Er fällt unter anderem auch dadurch auf, dass, wenn er ein Lokal betritt, es etwas strenger im Raum riecht. Das mag jetzt fies klingen, aber es ist unbestreitbar, dass es so ist, und gerade riecht es ganz besonders streng hier, denn er hat am Tisch neben mir Platz genommen. Er bestellt Eierkuchen. Sonst nichts. Daran wird sich in den nächsten Stunden auch nichts ändern.

Ich habe den dritten Espresso bestellt, das zweite Wasser MIT Sprudel, einen Salat, weil ich doch gerade meinen Roman fertig schreibe und Angst habe dick zu werden, wenn ich zu viel sitze und am Laptop schreibe. Von Salat wird man nicht dick, behauptet meine Mama immer.

Diese Angst hat O. nicht, braucht er auch nicht, denn er läuft jeden Abend mehrere Kilometer mit seinen Zeitungen ab.

Da sitzen wir beide nun, fast nebeneinander, mit Laptop vor uns. Ich mein Schreibprogramm geöffnet, er Facebook. Wer sich immer gefragt hat, wer diese Leute sind, die so viel Zeit haben auf Facebook die Kommentarspalten voll zu tippen, wird hier „fündig“. Es sind Leute, wie er.

Mit akribischer Genauigkeit liest er die Kommentare unter den entsprechenden Artikeln der Zeitung, die er verkauft, und kommentiert die Kommentare der anderen. Oft wirkt er gestresst, mal fassungslos, belustigt, und gelegentlich stöhnt er auf, wenn er es nicht fassen kann, dass ein anderer O. irgendwo auf der Welt einen derartig dreisten Kommentar von sich gibt. Das sind die Momente, wo er sich regelrecht auf die Tastatur stürzt, um demjenigen mal ordentlich die Meinung zu geigen.

Alle, die das Café betreten, grüßen ihn, halten aber einen gewissen Abstand, eine Zeitungslänge sozusagen. Ein einziger Mann, Ende 60 müsste er sein, begrüßt ihn, mit Handschlag, herzlich und bedauert, dass sie sich schon so lange nicht mehr gesehen haben, ja, wie die Zeit vergeht, tauschen sich ein wenig aus, und der Mann teilt O. auch mit, dass er ihn in einer Talkshow gesehen hat, über Prostitution redend, denn O. ist bekennender, ja, wie sagt man das, Sexarbeit-In-Anspruch-Nehmender, aber in dieser Talkshow, wie der ältere Mann meint, waren viele Menschen „aber ganz schön entsetzt“ über das, was O. von sich gab. O. winkt ab, dass doch alle Heuchler sind, und dass ihm seit dieser Talkshow die Frauen, auch für die man nicht zahlen muss, geradezu hinterher rennen.

Der ältere Herr wirkt jetzt leicht beschämt und meint, dass er dann auch mal gehen muss. Tschüss. Ja, tschüss. Mach’s gut.

Ich blicke auf O’s Bildschirm rüber. Ihm gefällt ein Status, der nur aus einem Wort besteht: Bewegung! Dann grummelt er irgendwas von „Frau“, „Fußball“ und „Steuer“ vor sich hin und beißt herzhaft in sein letztes Stück Eierkuchen, leckt sich die Finger und stürzt sich erneut auf die Tastatur.

Zuerst erschienen am 23. Januar 2018, Lëtzebuerger Journal