DAS IST JA VOLL INTERESSANT

Ich war auf einer Literaturveranstaltung. Nicht als Leser oder Auftretender, sondern als Gast. Da trugen AutorInnen oder solche, die welche werden wollen, Texte vor und die Gäste, die Menschen, die also für einen Abend auf Serien oder ihren Fernseher verzichteten, durften mit dem Autoren über seinen Text sprechen, diskutieren, ihn kritisieren oder loben.

Für den Autoren oder die Autorin soll das ganz toll sein, weil er ja dann quasi sofort Feedback bekommt, und für das Publikum auch, weil es sich dann etwas wichtiger vorkommen darf, da es ja live mit in den Text eingreifen darf. Teil des Entstehungsprozesses ist.

Wenn es dem Autoren auch überlassen bleibt, ob er einzelne Verbesserungsvorschläge mit einbezieht oder nicht.

Da war ein Autor, der seinen Protagonisten mit dem Verlust eines Menschen umgehen lässt. Dieser Mensch, K., ist gestorben, und der Autor kündigte an, dass es, in der folgenden Lesezeit, eventuell depressiv wird, weil Tod und so, Du verstehst schon. Ein Autor, der seinen Text als „depressiv“ ankündigt. Puh. Ja. Was soll man dazu sagen?

Und er las los, der Tod also, dazu ein paar Zitate in lateinisch und musikalische Referenzen auf einen der größten Komponisten unserer Zeit. Er las s e h r d e u t l i c h und b e d e u t u n g s s c h w a n g e r und das Publikum und der Kritiker, immer ein anderer pro Autor, nickten zustimmend zu den Worten. Ja, der Verlust des Menschen. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird.

Es war schön, zu beobachten, auf was sich die Menschen so einigen, wenn es um eine der größten Ängste der Menschheit geht: Ein großes gefühlsarmes Nichts nämlich. Wow, Latein, wie passend zum Thema Tod. Klassische Musik, jaja, die Geige zerfleddert mein Herz. Alles was war, war die Bemühung darum, dass das Gelesene und Gesprochene w i c h t i g wirkt. Futter für Kritiker, die ihr Herz beim Schalter für Sekundarliteratur abgeben. Stilistik. Metrik. Analogie und so. Hauptsache, die Fassade ist mit relevanten Fachausdrücken geschmückt.

Anders ausgedrückt: Es reicht nicht, die Literaturgeschichte aus dem Effeff zu beherrschen, um starke Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Geschweige denn diskussionswürdige Literatur, die mehr beim Rezipienten auslöst, als klugscheißerisches „oh ja, voll berührend“.

Natürlich wurde dichterisch Wein getrunken und ausdrucksstark in die vom Café angebotene Wurst (Snack) gebissen und jeder der Anwesenden freute sich, „heute mal was mit Literatur“ zu machen, ohne auch bloß einmal die Hosen runterlassen zu müssen, denn dann müsste man sich tatsächlich mit dem Tod und wahren Gefühlen auseinandersetzen, aber dann schmeckt die Wurst nicht mehr. Ohne auf die Qualität der Autoren eingehen zu wollen, denn das will ich den wahren Kritikern überlassen, schien das Publikum (es waren mehr als zehn), das überwiegend aus anderen Schriftstellern und ein paar weiteren Individuen aus dem Dunstkreis des Literaturbetriebs bestand, sich darauf zu einigen, dass alles super berührend ist, solange es nicht wehtut, kein Wort verstanden wird und das Wort „ficken“ nicht fällt. Ein gelungener Abend also.

 

Zuerst erschienen am 20. Februar 2018, Lëtzebuerger Journal