HERAUSWACHSEN

Ich wollte ihn doch. Genau diesen Pulli. Er war wunderschön. Gelb. Grüne Punkte. Und so ein Monster drauf. Ein Monster, darauf konnten sich alle meine Mitschüler einigen, das nun wirklich jeder haben wollte, als Aufdruck auf dem gelben Pulli, mit grünen Punkten. Jetzt schaue ich ihn mir an und wir beide, das Kleidungsstück und ich, sind uns so fremd geworden. Wir haben uns wirklich auseinander gelebt. Den kann ich nicht einmal mehr meinem Patensohn schenken. Der wird dann bestimmt gehänselt. Das will ich nicht. MEIN Patensohn wird nicht gemobbt und soll natürlich auch selbst nicht mobben. Gut, aber darum soll es nun hier nicht gehen.

Was ich sagen will: Man kann sich nun wirklich auf nichts mehr verlassen, das ist bekannt. Vor allem aber ist kein Verlass auf einen selbst, das ist vielleicht auch bekannt, aber nicht ganz so schön zuzugeben. Und sich auf sich selbst, seinen eigenen Geschmack, seine Vorlieben und Prinzipien nicht verlassen zu können, ist ganz besonders heikel, aber ist diese Einsicht erst erlangt, kann man sich in Ruhe nicht mehr ernst nehmen und das macht wiederum alles leichter.

Was ich nicht alles wollte. T-Shirts! ALLE T-Shirts einer bekannten Restaurant-Kette, die überwiegend in Großstädten zu finden ist. Ich wollte sie ALLE. Die Classic Editions. Die Limited Editions. Die Special Editions. Alle Editions. Und ich trug sie mit Stolz, ohne zu bemerken, dass ich einfach nur einer der vielen Deppen war, die dachten, dass es besonders „rock“ wär, umsonst Werbung für eine Kette zu machen, die sich dadurch auszeichnet, dass sein Kunde zu rockiger Musik Burger essen und währenddessen gleichzeitig auf Gitarren glotzen kann.

Über hundert T-Shirts mit dem immer gleichen Logo und ein gelber Pulli „gehören nun der Altkleidersammlung an.“

Ähnlich verhält es sich mit meinem Musikgeschmack, der sich über ein Jahr nur auf U2 beschränkte. U2 wurde zu meiner Religion. Und Bono war mein Held. Er predigte Weltfrieden und Liebe für alle, besuchte traurige Kinder in Afrika und rügte den amerikanischen Präsidenten, wenn er mal wieder das Kriegsbeil ausgraben wollte. Das gefiel mir. Nicht das Kriegsbeil, aber dass da jemand war, welcher dem Präsidenten ordentlich die Meinung geigte. Dass der Polit-Rockstar aber regelmäßig mit dem Privatjet in irgendeinen Privat-Club in St.Tropez flog und mit gut aussehenden Models teuren Sekt trank, gefiel mir ganz und gar nicht, obwohl ich auch gerne mit den gut aussehenden Models teuren Sekt getrunken hätte.

„Was für ein scheinheiliger Schuft“, dachte ich und wandte mich von seiner Musik und „Philosophie“ ab, schmiss alle CD’s, auch die Deluxe Versions, in die Tonne und hörte nur noch Eminem. Der war zumindest ehrlich scheiße und kam ja direkt von der Straße, das fand ich unglaublich authentisch. Hier hat sich dann, mit den Jahren, meine Meinung auch schon wieder etwas relativiert, besonders da sein aktuelles Album so gar nicht mehr „street“, sondern nur noch so „feat. Popartartist A-Z“ ist. Wahnsinnig unauthentisch.

Ich bin sehr enttäuscht. Von Eminem, Bono, dem Monster, den angeblichen „Burgerrockhallen“ und hoffe, dass mein neues Smartphone zumindest hält, was es verspricht.

Zuerst erschienen am 13. Februar 2018, Lëtzebuerger Journal