YOU ARE ONE OF GOD’S MISTAKES

Und nochmal: „You are one of God’s mistakes“. Letztere ist die erste gesungene Liedzeile aus einem der bekanntesten Songs, die Placebo je geschrieben hat. Aus den Lautsprechern des Radios in meiner Küche, wo ich gerade vor meinem Laptop sitze, mich frage, über was ich so schreiben kann, um Dich zu unterhalten, ertönt genau dieses Lied.

Die Entscheidung ist gefallen. Ich muss über dieses Lied schreiben, über diese Zeile. Mir regelrecht etwas von der Seele schreiben. Danach ist es hoffentlich besser.

Es soll ja viele Lieder geben, die einen nicht mehr loslassen, ganz unabhängig ihrer jeweiligen Qualität. Ich sage nur: „Final Countdown“ (düdüdümdüdüdüdüdü), „Wild thing“, „Everybody“ und natürlich „I’m loving angels“ und so weiter… Keines aber macht mich so „nervös“ wie dieser „Song to say goodbye“.

Seit über einem Jahrzehnt taucht er immer wieder in meinem Kopf auf. Das kann kurz vorm Einschlafen, beim Duschen oder Essen sein. Besonders oben genannte Zeile. Seit ich das Lied, die Zeile, das erste Mal gehört habe, das war vor zehn Jahren auf einem Festival im Süden Luxemburgs, begrüßt sie mich regelmäßig unangekündigt. Als wäre ich verflucht vom Geiste eines halbtoten Ohrwurms einer Rockband. Dann versuche ich, über den Sinn nachzudenken und den Grund, warum es ausgerechnet diese Worte sind, die mich so sauer machen. Ich selbst bin ja ein Fan davon, wenn ich mit meinen Worten Leute wütend oder glücklich mache. Alles dazwischen interessiert mich nicht. Aber, aber, ja… Vielleicht sieht Molko, der Sänger, das ganz ähnlich. Ich tue ihm möglicherweise also noch einen Gefallen mit der in mir aufkommenden Wut. Wobei Wut zu stark ist, aber ein anderes, adäquateres Wort, will mir einfach nicht einfallen.

Eventuell liegt es an seiner unglaublich nasalen Stimme, die sich erbarmungslos in die Ohrtrommel seines Hörers reinbohrt. Und wenn ich mir dann dazu das so unfassbar unsympathische, arrogante Gesicht des Sängers vorstelle, kriege ich es richtig mit der Angst zu tun. Wobei Angst auch wiederum zu stark ist.

Jedenfalls schaue ich ihm, ohne dass er vor mir ist, direkt in seine kühlen, blauen Augen, die ich mir merkwürdigerweise wie auf (innerlichen) Knopfdruck problemlos vorstellen kann.

Das Bild geht dann auch nicht weg, auch jetzt nicht, obwohl es ja nicht einmal wirklich da ist, das Lied schon längst nicht mehr läuft. Ah doch, da ist es wieder. In meinem Kopf, es ist in meinem Kopf.

Ich also ein Fehler Gottes? Das nehm‘ ich ihm echt übel. Ich, ein heulendes Stück Haut? Ja und? Hattest Du nie Liebeskummer? Da nutze ich die Gelegenheit doch gerne, um Dir mitzuteilen, lieber Brian, dass ich auch sauer auf Dich bin. So, jetzt geht’s mir besser. Und hier ein Ohrwurm für Dich: „We all live in a yellow submarine, yellow submarine,… Hey! Yellow submarine“…

Zuerst erschienen am 27. Februar 2018, Lëtzebuerger Journal