OUTTAKES II: SVENJA

Nie wieder. Der Kopf schmerzt. Der Magen dreht verzweifelte Runden um sich selbst. Ich leide. Leiden kann ich gut.

Es war ein unglücklicher Versprecher. Es war nicht witzig. Es hätte nicht sein müssen, aber es war. Und es bleibt als Warnung in der Gestalt eines bösartigen Katers. Zugegeben: Ich habe sie beleidigt, das war nicht nötig, aber auch nicht meine Absicht. Zu meiner Verteidigung muss ich dazu sagen, dass Svenja, die dicke und auch beste Freundin der Kellnerin Jo dreimal höflich, so höflich, wie es mir in meinem gestrigen Zustand nur möglich war, gebeten wurde, von meiner Person Abstand zu nehmen. Da sie das nicht tat, war sie demnach aktiv an ihrer eigenen Beleidigung beteiligt.

„Ich will einfach nur so bisschen hier alleine unter Menschen sein.“, war mein erster Versuch sie von mir fern zu halten.

Svenja bestellte zwei Biere, eins für sie und eins für mich. Sie schob es vor mich hin, schmiß dabei mit ihrem Ellbogen mein Zigarettenpäckchen vom Tresen und stützte sich, um Lässigkeit bemüht, an letzterem ab. Ich spürte ihre nicht kleinen Brüste an meiner Schulter. Das war zuviel. Das war zu nah. Kurz dachte ich an ein Lied von Die Ärzte und erklärte Svenja, dass ich kein Bier trinke, währenddessen ich mich simultan darum kümmerte die Schachtel Zigaretten vom Boden zurück auf den Tresen zu holen.

„Das geht auf mich, wenn du danach in mir kommst.“, ignorierte sie meinen Wunsch nach Nicht-Bier und gesunder Distanz zwischen ihr und mir und deutete mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand auf das gerade eben frisch gezapfte Bier, währenddessen ich ihre linke Hand auf meinem rechten Oberschenkel wahr nahm. Keine Frage, das war eindeutig zu nah.

Ich blieb aber immer noch ruhig und schlug ihr vor, es war noch nicht so spät, für die Spätvorstellung würde es auf jeden Fall noch reichen, sich den neuen Film von Anderson oder Tarantino anzuschauen. Sie ignorierte aber auch meine zweite Offerte.

„Du bist alleine hier. Ich bin alleine hier.“, erzählte sie mir nichts, was ich nicht schon wusste.

„Ich kenne einen Ort, wo wir ganz ungestört sein können.“, Svenja war bereit alles zu geben und ich alle Hebel in Gang zu setzen, um mich in Luft aufzulösen. Ich wollte nirgendwohin. Allenfalls nicht mit ihr. Ein plötzliches Verschwinden meiner Person gestaltete sich aber auch als äußerst schwierig.

Meine Augen suchten verzweifelt nach bekannten Gesichtern. Immerhin saß ich in meinem Stammcafé, aber heute ließ sich niemanden finden, den ich als Ausrede, ja, Vorwand, instrumentalisieren könnte, um mich aus dieser unschönen Situation zu befreien.

„Have a body, go to the beach.“, brüllte sie mich an, währenddessen die Arctic Monkeys ihre tanzbarsten Schuhe anzogen. Ich erschrak, denn ich hatte weder damit gerechnet angeschrien zu werden, noch, dass sie auch englisch konnte. Mein Gesichtsausdruck, den ich nur schwer an dieser Stelle beschreiben kann, denn ich hatte keine Möglichkeit mich dabei zu beobachten, wie ich auf ihren schlauen Spruch, der mir bereits mehrere Male im Internet begegnete, reagierte. Da war zwar ein großer Spiegel, gleich hinter ihr, doch sie verdeckte die Sicht auf mich selbst, wenn man so will.

„Ja, äh, der Strand, so weit ist der nicht von hier weg. Da kannst du gerne hin. Nur warm wird es nicht sein“, versuchte ich ihr eine weitere, dritte und auch allerletzte Option schmackhaft zu machen. Vergeblich.

Sie blieb stur, sah mich an, eindringlich. Ich wusste nicht genau, ob sie mit mir ins Bett oder mich umbringen wollte. Kurz überlegte ich, wie sie es planen würde, mich ums Eck zu bringen. Vielleicht mit einer Axt. Oder mit einer Tablette, die sie heimlich in mein Getränk fallen lassen würde. Ich musste alle Konzentration aufwenden, um zu überleben. Gleichzeitig versuchte meine betrunkene Wenigkeit ihre Hand von meinem Oberschenkel zu schieben, was sich als wahrer Kraftakt manifestierte. Vielleicht würde sie mich auch einfach unter sich begraben. Auf den Tresen steigen, um sich anschließend auf mich drauf fallen zu lassen. So wie ich es bei den Wrestlern im Sportfernsehen etliche Male erleben konnte. Svenja wog mindestens fünfzig Kilo mehr als ich. Die Karten standen schlecht für mich.

„Hast du ein Problem mit mir, weil ich nicht so ein Hungerhaken, wie die Ische dort in der Ecke bin?“, Svenja lief vor Zorn rot an und ich brachte nicht den Mut auf nachzuschauen, wer dort saß. Es galt sie nicht unnötig zu provozieren, doch ich scheiterte kläglich, was dieses Vorhaben anging.

„Natürlich. Fette haben auch eine Daseinsberechtigung. Äh… Nee. So wollte ich das nicht sagen. Für mich ist es voll ok, wenn du fett bist. Wirklich. Ich darf ja trotzdem dünn bleiben. Oder? Ja, darf ich. Wirklich kein Problem, dass du dick bist. Das ist kein Problem für mich. Und du bist auch nicht fett, vielleicht dick, ein bisschen, also, korpulent. Schwere Knochen. Es ist tatsächlich nur dein Problem, aber nicht meins…“, ich redete und redete und wiederholte mich um Kopf und Kragen. Die Erklärung sollte sich nicht als zufriedenstellend herausstellen.

„Warum sagst du, dass es voll ok ist, dass ich fett bin? Was erlaubst du dir? Ich weiß, dass es voll ok ist. Ich weiß, dass ich eine Daseinsberechtigung habe und ein Recht auf Sex habe ich auch.“, schrie sie mich an.

Ich wollte ihr lediglich sagen, dass ich kein Problem mit ihrem Körpergewicht habe und dass mein Wunsch, alleine unter Menschen zu sitzen, nichts mit ihren Maßen zu tun hat und wenn doch, hätte ich es ihr nie so gesagt. Und ein Recht keinen Sex mit ihr zu haben, habe ich doch auch. Es war der kleine Freud, zusammen mit Kollege Alkohol, der sich in mein Unterbewusstsein schlich und unkontrollierte Wortfetzen von sich gab. Ich konnte ja nicht wissen, was da so in meinem Unterbewusstsein abgeht. Das ist doch die Idee des Unterbewusstseins oder etwa nicht? Jedenfalls wollte ich sie nicht unnötig verletzen.

„Nein, ich wollte nicht, verzeih mir, ich habe das nicht gewollt, also, sagen wollen, nur ich dachte an die Kommentare unter dem Bild mit diesem Spruch mit Body und Beach. Verstehst du, was ich meine?“, versuchte ich mich am Versuch die Situation zu entschärfen. Mir war aber selbst nicht begreiflich, was ich wirklich meinte.

Das Unterbewusstsein. Das große Es und der Alkohol. Mein Gott, ich wollte doch von Anfang an nicht gestört werden und jetzt bin ich auch noch der Buhmann, der dicke Frauen diskriminiert.

Die dicke Svenja blickte zu Jo rüber, die bestätigte, dass sie das ganze Gespräch mithörte und warf mir einen dieser Wenn Blicke töten könnten Blicke zu. Schuldig gesprochen, 01:34 Uhr. Svenja flüchtete vom Tatort und machte sich möglicherweise auf den Weg zum nächsten Opfer.

Jos Plan ihre beste Freundin zu rächen, ging voll auf. Als oft gesehener Gast in dieser Bar, wissen die Menschen hinter dem Tresen ganz genau, was ihre Stammgäste abkönnen und was nicht. So zum Beispiel vertrage ich keinen Weißwein. Nach mehreren hochprozentigen Long Drinks fällt es mir allerdings nicht mehr auf, wenn anstelle des mir wohlbekommenden Alkohols Weißwein verwendet wird.  Jo nutzte diese Schwäche ohne Erbarmen aus. Weißwein Tonic nannte sich die Falle, die sich als skrupellose Rache für Svenja entpuppte.

Nie wieder Weißwein. Nie wieder Alkohol. Nie wieder Svenja.

Foto: Laura K