ABER SO RICHTIG

Die Küche hat noch nicht geöffnet. Es ist 10.55. Die Küche öffnet aber erst um 11.00. Ich will nur einen Espresso, erkläre ich, aber die mäßig freundliche Frau zeigt nur mäßig motiviert mit dem Zeigefinger in eine Richtung, die hinter meinem Rücken beginnt und am Ende eines langen Ganges endet. Dort kann ich für 90 Cent einen Espresso bekommen. Bedient von einer Maschine, die mit einem schnieken Display seinen Konsumenten vorzugaukeln versucht, dass der Espresso, den sie ausgibt, gar nicht mal so schlecht schmeckt. Serviert wird die Brühe in einem riesigen Pappbecher, der, als er auftaucht, ein ähnliches Geräusch macht wie die Flugzeugreifen, die das Fahrwerk ausspuckt, bevor zur Landung angesetzt wird.

Ich laufe den langen Gang zurück, nippe kurz am Espresso, schmeckt fürchterlich, werfe den Becher mit dem nicht ausgetrunkenen Espresso in einen Mülleimer, wo er eigentlich nicht hingehört. Ich freue mich, da ich es „denen“ mit dieser Aktion so richtig gezeigt habe. Next level.

Die Küche hat mittlerweile geöffnet, und somit ist es ab sofort möglich, sogar zwei Minuten vor 11.00, also offizieller Kücheneröffnung, einen Espresso für 1,90 Euro zu bekommen. Würde ich es „denen“ so richtig zeigen wollen, Runde zwei, würde ich nun keinen kleinen Schwarzen kaufen, da sie mich noch vor drei Minuten abgewiesen haben, aber meine Sucht ist stärker, bestelle, kaufe, nippe, schon wieder schrecklich, trotz Porzellan-Tasse und richtiger Küche und lass die halb ausgetrunkene Tasse auf dem Tisch stehen, obwohl eigentlich erwartet wird, dass man sie dort hinbringt, wo „Geschirrablage“ ausgeschildert ist. Aber das ist die einzige Möglichkeit, es „denen“ nochmal so richtig zu zeigen. Nächste Runde.

Innerhalb von fünf Minuten habe ich 2,80 Euro ausgegeben und knapp, in seiner Gesamtheit also, einen schlechten Espresso getrunken. Ich sollte mich womöglich nicht wundern, wenn ich nie reich werde. Ich parke nämlich auch prinzipiell in Parkhäusern, auch wenn man „draußen“ gebührenfrei parken kann, aber diese ewige menschliche Suche nach einer günstigeren Alternative (Discount, pauschal, lowcost) macht mich nervös. Zahlt die Menschen ordentlich und schafft dieses scheiß „günstig“ und „billig“ ab. Mit diesem teuren Espresso hab ich‘s „günstig“ so RICHTIG gezeigt, wer hier das Sagen hat. Ich habe hier das Sagen. Verstanden? Weiter geht’s. Ich nehme den Aufzug, drücke auf den Knopf, um ins zweite Stockwerk zu gelangen, frage mich, ob der Knopf mit dieser neuen Grippe verseucht ist, mein Desinfizierungsgel habe ich im Auto vergessen. Die Aufzugtür öffnet sich. Endgegner.

Zuerst erschienen am 20. März 2018, Lëtzebuerger Journal