MEHR MUSS ES GAR NICHT SEIN

Sie ist nicht einmal acht Jahre alt. Sie ist wütend. Auf sich, weil sie ihn geschlagen hat. So, dass seine Nase blutet. Auf ihn ist sie auch wütend, weil er eine Nase hat, die so schnell zu bluten anfängt. Ihre Nase hat noch nie geblutet. Was ist denn nur mit den aktuellen Nasen der Jungs los, dass die gleich zu bluten anfangen, sobald ein kleines Kind mit ihrer wutgeladenen Faust ihm in die Mitte des Gesichts haut.

Auch ist sie wütend, weil sie gezwungen wird, sich bei ihm zu entschuldigen, weil das ist es, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Jedenfalls in diesem Moment. Dabei hat sie doch keine Ahnung, wer sie überhaupt ist, diese Gesellschaft. Sie und ihre Regeln.

„Diese Regeln, die Du lernen musst, um im Leben zu bestehen“, sagen die Großen.

Und das besteht nur, wer die Schule abschließt und dann einen Jobvertrag unterschreibt. Irgendwann mal. Mehr muss es gar nicht sein.

Sie weiß nicht einmal, warum sie ihn geschlagen hat. Er hat ja wirklich nichts getan. Obwohl, sie nimmt an, dass er ihr die Zunge rausgestreckt hätte, hätte sie in seine Richtung geschaut. Jungs schauen immer so doof. Hat sie aber nicht. Hat er also auch nicht.

Fest steht: Nach einem ungerechtfertigten Schlag auf die Nase muss sich entschuldigt werden. Ein Schlag auf die Nase, das weiß sie auch, ist nie gerechtfertigt. Unsere Gesellschaft hat sich nämlich darauf geeinigt, dass Gewalt schlecht ist. Mit der Folge, dass, wenn eine Person doch Gewalt auf andere ausübt, sie die Verantwortung übernehmen muss. Heute ist sie mal wieder die Verantwortliche.

Sie weint immer noch und das einzige Wort, das sie über die von Spucke und Rotze besudelten Lippen bekommt, ist das Wort „Papi“. Dann zeigt sie mit ihrem Zeige-, Mittel- und Ringfinger, wie lange Papi noch im Gefängnis sitzen wird, kriegt einen erneuten Wutanfall, ballt die Faust, läuft rot im Gesicht an, beißt sich in die Faust. Papi hatte vielen Menschen ungerechtfertigte Schläge verpasst. Und Mami ist immer noch nicht aufgetaucht. Sie hat viel zu tun und vergisst öfter, ihr Kind vor der Spezialeinrichtung abzuholen. Heute soll sie früher abgeholt werden, denn sie war böse zu dem Jungen, der immer noch irgendwo hinter ihr auf einer Bank sitzt und heult, so laut, dass es fast das Gemecker der Großen übertönt. Die drei großen Menschen stehen so nah um sie rum, dass sie überhaupt keinen Platz mehr hat. Zu allem Übel halten sie sie an Schultern und Armen fest, obwohl sie doch merken müssten, dass sie um sich zu schlagen versucht. Mama kommt einfach nicht.

„Lasst mich los“, will sie schreien, aber entscheidet sich letztendlich doch dazu, mit ihrem rechten Fuß so fest es geht auf den Boden zu stampfen. Zu Mami will sie ja auch gar nicht. Mami ist immer schlecht gelaunt und meckert: Dass sie nie hätte geboren werden dürfen. Dass sie nur Probleme macht. Dass sie Zeit kostet und noch schlimmer: Geld. Und zu Papi darf sie nicht. Und schlagen darf sie nicht. Verstehen tut sie auch nichts.

„Was sollen wir bloß mit Dir tun?“, fragen die Großen, aber los lassen sie sie trotzdem nicht.

Zuerst erschienen am 27. März 2018, Lëtzebuerger Journal