2020

Bestimmt schon zum zehnten Mal dieses Jahr sitze ich in einer funkelnagelneuen (Wohn)Küche mit individuell ausgerichteter Ausstattung irgendwo in einen Neubauwohnungskomplex rein gequetscht: Wirklich ein Traum. Mit 30.000 Euro zwar ein wenig teuer, aber ein kleiner Kredit mehr oder weniger, in Zeiten von Niedrig-Zinsen, man wär ja blöd, wenn man nicht profitieren würde.

„Luc, Du weißt, was ich meine. Deine Kolumne erscheint doch auch bei so einer Kapitalisten-Zeitung“, brüllt H..

„Äh ja, über Dich schreib ich auch einmal.“, antworte ich und erinnere mich, warum ich heute eigentlich nicht hier sein wollte.

Bevor ich weitererzähle: Es ist mir scheiß egal Alexa, wie das Wetter morgen wird. Oder Siri. Ich gucke aus dem Fenster, das reicht doch wohl. Also ich würde aus dem Fenster gucken, hätte Alexa, smart wie sie (es?) ist, für euer kleinbürgerliches Heim nicht entschieden, die Rollläden runterfahren zu lassen, weil nach 20.00 Alexa die Rollläden runterfahren lässt. „Night-Day-Balance“ oder so. Weiß der Geier, warum. Und frag bloß nicht nach.

Ja, aber sehr schön hier. Aha, ein paar Schwangere mehr. Aha, dieses Jahr schon zum dritten Mal am Meer. Aha, er hat jetzt ein eigenes Sportgewehr. Einen sehr schönen Abend verbringen wir hier. Ganz wunderbar schmeckt’s, ja. Ja. Ein paar Freunde von früher treffen, um einfach mal gemütlich zusammenzusitzen.

„Ich bin nicht verbittert, probier das nur aus…“, denke ich, also höre ich. Die Stimme von Marcus Wiebusch („Kettcar“) saust, unhörbar für die anderen Beteiligten am Tisch, durch meine Ohrmuschel und ich kann mir ziemlich gut vorstellen, warum er das Lied geschrieben hat. Ich kenne ihn nicht, scheint ein feiner Kerl zu sein. Googlet doch mal.

Ich halte fest, dass jetzt wohl die Zeit für ruhige Abende und oberflächige, leider nicht lustige oder versaute Gespräche gekommen ist. Es wird sich über die Küche unterhalten, das Sofa und die unpünktlichen Lieferungen, die ungenauen Arbeiten der Arbeiter zumeist mit, man sei ja nicht rassistisch, aber stimmen tut es schon ein bisschen, was so gesagt wird, Migrationshintergrund.

„Was wird denn so gesagt?“, frage ich.

„Naja…“, sagt sie.

H. übernimmt erneut die Gesprächsführung, wenn man so will, das tat er immer schon und erzählt von ganz tollen Investitionen und „Moneymaking-Gelegenheiten“, bevor letztere Mainstream werden. 100 Euro rein. 400 zurück. Ganz großes Geld. Blockchain. Bitcoin.

„Das System ficken und reich werden.“, freut sich H..

„Was für Arschlöcher aus Kindern werden können.“, denke ich, währenddessen unsere Blicke sich treffen. Ich kann wirklich nur ganz schlecht verheimlichen (H. versucht es nicht einmal), wenn ich jemanden oder etwas nicht mag. Wir mochten uns noch nie. Also los: Ich lege den Filter „Verachtung“ über meinen Blick, meiner Meinung nach noch subtil genug, um keine Schlägerei zu provozieren, aber subtil kann ich eigentlich auch nur sehr mittelmäßig bis ganz schlecht, behauptet zumindest ein großer Schauspieler aus Luxemburg, der auch in Berlin lebt. Ich fürchte, dass er Recht hat. Unser Blickkontakt reißt ab und ich kann endlich behaupten, keine Angst mehr vor dem Tod zu haben. Draußen, auf der Straße, hätte ich längst auf die Fresse bekommen, zumindest in der Nähe eines europäischen Hauptbahnhofes. Hier bedanke ich mich nochmal beim Gastgeber, dass er so nett war, „die Wiedervereinigung“ in seiner wirklich wunderschönen Wohnung möglich zu machen und bis nächstes Jahr. Ja, wirklich. Unbedingt sollten wir das öfters machen. Allerdings kann ich bis zum Jahr 2020 wirklich nicht. Ja, jeden Tag. Mega busy. Wir Künstler müssen auch ein wenig im Voraus planen. Projekte. Viel rein, um wenig raus zu bekommen. Ja schade, aber auf Facebook, genau, da kann man gucken, was so passiert. Und die Homepage ist auch ganz neu. Tschüssi. Ja, ciao.

 

Zuerst erschienen am 03. April 2018, Lëtzebuerger Journal