SCHLAF NIEMALS

Ich weiß nicht, wie die Leute das tun, wenn sie ganz ungeniert erklären, dass sie jeden Tag, freiwillig, ja, wenn es richtig krass kommt, um 22.00 schlafen gehen. Warum macht ein Mensch das? Das kann doch nicht gesund sein und vor allem nicht spannend. Nach 22.00 wird es doch erst so richtig lustig. Das war schon als noch jüngerer Mensch so, wenn „Peep!“ oder „Wahre Liebe“ im Privatfernsehen deines sinnlichen Vertrauens ausgestrahlt wurde. Gut, das ist ein ganz anderes Thema.

Ich habe die ganzen letzten Wochen ziemlich viel gearbeitet, so von früh bis abends spät, und mein größtes Problem war nicht die Arbeit, nicht einmal die Müdigkeit, sondern die Angst davor, dass ich „früher“ ins Bett musste, also SPÄTESTENS um 00.30, damit ich es am nächsten Morgen, in der Früh, wieder aus dem Bett schaffe. Jeden Morgen, als ich aufwachte, hatte ich Angst, in der Nacht davor, die ich nur passiv als schlafender Steuerzahler erleben durfte, wahnsinnig viel verpasst zu haben.

Auch wenn ich fast fünfzehn Stunden pro Tag arbeitete, hatte ich nicht das Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ich mich früh, vor 03.00 nachts also, schlafen legen MUSSTE.

Es ist nämlich so: Ich lege mich ungerne früh schlafen, aber noch viel unangenehmer finde ich es, FRÜH aufzustehen und so zu tun, als wäre das mein Alltag: Früh aufstehen, schnell Zähne putzen, raus, Arbeit, Abendessen, After Work-Drink, früh schlafen legen, und sonntags wird gebruncht. Da laufen die Crémant-Perlen mir eiskalt den Rücken runter.

Das After Work-Prinzip mag ich auch deswegen nicht, weil es so auf Leistung ausgerichtet ist. Dort trifft man nur Leute, die sich schnell nach der Arbeit noch die Birne wegpusten wollen, bevor sie dann schnell ins Bett müssen, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Geld machen. Frau oder Mann kennenlernen. Kinder züchten. Familienfoto auf Facebook hochladen. Das ist mir zu stressig. Effizienz ist mir zu stressig. Da komm ich nicht mit.

Das fördert auch den Frust, den aufs Leben, denn gute Getränke gehören nicht im stressigen Zeitfenster zwischen 17.00 und 22.00 getrunken, sondern im unstressigen Zeitfenster zwischen 22.00 und open (frei wählbares) Ende. Dunkelheit, gute Getränke, freundliche Menschen sollten sich immer nach 22.00 treffen. Gebt also Acht, wenn Ihr trinkenden Menschen vor 22.00 begegnet. Besonders, wenn sie gleichzeitig Fußball gucken und kleine Mini-Burger mit einer hausgemachten Chili-Erdnuss-Kaviar Soße essen. Die trinken, weil sie müssen, weil sie sonst keine Zeit dazu haben.

Ich sollte das jetzt genauer erläutern, aber das kann ich nicht, denn ich muss jetzt wirklich ins Bett, sonst schaffe ich es morgen nicht rechtzeitig raus.

Zuerst erschienen am 2. Mai 2018, Lëtzebuerger Journal