SIE IST WIEDER DA

Ja, zwar gefühlt ein Jahr, aber eigentlich sind es erst ein paar Monate her, dass ich dachte, sie wäre weg, für immer. Und ja: Sie macht bestimmt ganz viele tolle Dinge, die wichtig für die Natur und die anderen Tiere oder Insekten sind, und natürlich ist es wichtig, alle Tiere lieb zu haben, ich weiß, aber sie habe ich nicht lieb und sie ist zurück: die Fliege.

Tatsächlich meine ich die Fliege und nicht die Mücke. Ich lasse mich lieber jeden Sommer zwanzig Mal täglich von letzterer stechen als eine einzige fette Fliege ertragen zu müssen, die völlig grundlos und meines Erachtens nach sinnlos durch die Gegend brummt. Zudem ist das Brummen eine akustische Zumutung: Völlig inkonsequent in der Ausführung, da unerkennbar, wo die brummende Reise hingehen soll. Ähnlich wie Jazz also, wenn er schlecht gespielt wird. Catchy zwar, aber sehr lustlos performt und nie im Zusammenspiel mit seiner Umwelt. Inkompetent und selbstverliebt, wenn man so will. Vielleicht ist sie einfach unsicher. Jaja, ich weiß.

An dieser Stelle habe ich bereits öfters erwähnt, dass es eben nicht nur auf die inneren Werte ankommt. Wenn also das Brummen als Hauptmerkmal ihrer, der Fliege, inneren Werte zu definieren wäre, schneidet sie schlecht ab. Da sie nur selten mehr als ein paar Wochen lebt, hat sie gar nicht die Möglichkeit, gründlich an ihrem Charakter zu feilen. Traurig, aber ich kann’s auch nicht ändern.

Nun könnte man sagen: Wer sich scheiße benimmt, hat immer noch die Möglichkeit scharf auszusehen. Aber auch in diesem Punkt kann das fliegende Mini-Ungeheuer nicht überzeugen. Nur zwei Flügel, die nicht sehr stabil wirken. Augen, als würde sie jeden Tag durchkiffen. Lange Beine, ja, Heidi wäre begeistert, aber viel zu drahtig und haarig (sorry Heidi!), die zusätzlich eine Art Flüssigkeitsfilm produzieren. Irgendwie so. Jedenfalls nicht besonders geschmackvoll.

Ganz besonders heikel für jemanden wie mich, den es bereits genug Überwindung kostet, Türklinken im öffentlichen Raum anzufassen, ist, dass wahrscheinlich auch die Fliege, die mich gerade jetzt „umbrummt“, die letzten Tage, mit ihren Fliegen-KollegInnen, auf Kuhfladen Picknick machte.

Ungeniert fliegt sie mit ihren sechs ungewaschenen Füßen durch meinen Wohnraum hin und her, klatscht dabei regelmäßig gegen die gleiche Wand an der immergleichen Stelle, brummt aber nach jedem Crash stur weiter, als wäre nichts passiert.

Ich überlege, ob ich sie endgültig gegen die Wand klatschen soll. Tue ich nicht, um nicht in meinem nächsten Leben, weil mieses Karma, als Fliege wiedergeboren zu werden. Ich verlasse meine Wohnung und lasse ihr ein bisschen Zeit mit sich alleine.

Zuerst erschienen am 8.Mai 2018, Lëtzebuerger Journal