VOLLGAS UND ERHOLUNG

Mein Jubiläumstext für das Lëtzebuerger Journal, Homebase meiner Kolumne. Zuerst erschienen am 15. Mai 2018 in besagter Tageszeitung.

Das Lëtzebuerger Journal feierte letzte Woche im „Hôtel Le Royal“ das Alter, was für die meisten der irgendwo in den 80er oder 90er geborenen das Rentenalter sein wird. Alle, die noch später geboren werden oder wurden, werden das Konzept Rente womöglich nicht mehr kennenlernen. Leben wir etwa in einem Sozialstaat oder was?

Ich war natürlich auch dabei, tatsächlich auch 15 Minuten zu spät, so zog ich, gleich nach dem Großherzog und dem Premierminister, die größte Aufmerksamkeit auf mich, als ich mich unauffällig in den „Festsaal“ zu schleichen versuchte, was nur mäßig gut gelang, da ich eine der Eingangstüren erwischte, die sich quasi genau neben der „Bühne“ befand.

Zu diesem Moment trug irgendein Doktor irgendeiner Uni irgendwas über die Entwicklung des Prints vor (großformatige Zeitungen schwinden, Mister Online schluckt sie alle, andere schauen nur noch Pornos, die jungen Menschen lesen nicht mehr – jetzt mal etwas frei interpretiert). Erschrocken schloss ich schnell die Tür. Dann ging mich so ein gorillaähnlicher Leibwächter an und fragte, was ich hier mache. Ich fragte, was er hier mache. Spannungsgeladener Blick. Skepsis in the air. Er ließ mir keine andere Wahl, und ich riss mir das T-Shirt vom Leib und stellte ihm meine Muskeln zur Schau. Vor Neid und Ehrfurcht fing Gorilla zu weinen an. Flehend wimmerte er um Verzeihung und bat um Gnade, aber leider wäre ich nun mal wirklich zu spät und ob ich bitte, aber wirklich BITTE (bitte! bitte! bitte!) die Eingangstür etwas weiter hinten benutzen könne, was ich dann auch, bescheiden und großzügig wie ich bin, tat. Ich bin kein nachtragender Mensch und hach: Ich kann Männer einfach nicht weinen sehen.

In der siebten Reihe, wo ich eigentlich sitzen sollte, durfte ich allerdings nicht mehr sitzen, und so nahm ich in den hinteren Reihen neben P. und Fotografin Platz, die die bis dato entstandenen Fotos auf dem Display und ihrem Instagram-Account analysierten und bewerteten oder schlichtweg liketen. Gleichzeitig lief der hochspannende Vortrag über Print. Ich, noch etwas aufgewühlt vom weinenden Gorilla, freute mich auf den anschließenden Sekt-Empfang und das Fingerfood-Buffet.

Erst aber sollte der luxemburgische Premierminister, welcher auch Medien- und Kulturminister ist (er liebt seinen Job einfach), noch eine Rede halten. Es wurde darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass JournalistInnen ihren Job machen (Demokratie) und es ebenfalls von äußerster Priorität ist, dass man sie ihren Job auch machen lässt. Das ist selbstverständlich nicht ÜBERALL selbstverständlich. Wichtige Stille. Applaus. Jetzt geht die Party los.

Der Großherzog durfte die Geburtstagstorte anschneiden und der Premierminister schüttelte mir die Hand. Jedes Kind weiß, dass letzterer meine Kolumnen liebt, aber er traute sich nicht, schüchtern wie er ist, mir dies auch zu sagen, aber ich sah das Funkeln in seinen Augen. Mir würde es nicht anders ergehen, wenn da ganz plötzlich Kate Moss vor mir stehen würde.

Natürlich waren noch viele andere Politiker anwesend, zum Großteil aus einer Partei, die dieser Zeitung nahe steht. Alle waren sehr nett. Man hätte annehmen können, dass die Nationalwahlen anstehen. Einige unter den vielen anderen Politikern waren sogar ganz besonders „sehr nett“. Also zu den weiblichen Gästen. Sie schienen überzeugt, dass die Damen sich ausschließlich für sie „herausputzten“ und auf ihre Komplimente nur so warteten. Jedenfalls bekamen die wichtigen Jungs nicht mit, wenn die Komplimente nicht erwünscht waren, denn wir wissen alle, dass kein Nein eigentlich ein Ja ist. Hach, die Frauen sind einfach so.

Einer unter den „smalltalkverliebten“ Politikern auf äh, Stimmenfang, meinte, dass er täglich JEDEN Artikel aus DIESER Zeitung liest. Alle waren ganz entzückt vor Bewunderung. Dann streckte er mir seine Hand so, als wäre es mir wichtig, dass er es tun würde, entgegen. Wer ich eigentlich bin, wollte er wissen. Ich bin Star-Kolumnist für das „Lëtzebuerger Journal“, gab ich mich zu erkennen. Eigentlich wollte ich an diesem Abend einfach nur Spaß haben, aber wenn er es denn wirklich wissen will…

„Vollrausch und Erholung, kennst du?“, fragte ich. „Vollgas? Aaaaahhhh… Kolumne ja ja ja…“, antwortete er und hoffte, dass ich nicht nachhaken würde. Ich kam nicht dazu, denn er erblickte schon die nächste entzückende Dame, die nur so auf ein Kompliment wartete und verschwand mit den Worten „Ich muss malöödahinteneeehallokurzsoääähsagen“. Ich nickte, aß, passend zur Situation, irgendwas mit Lachs, spülte Crémant nach und machte draußen rauchend ein Selfie von mir. Hochladen. Danke für den Abend, liebes „Lëtzebuerger Journal“ und alles Gute nachträglich von Vollrausch und Erholung.