HOCHZEIT ROYAL

Was für eine Hochzeit. Alles richtig gemacht. Kein Wunder, dass dieses Land nichts mehr mit dem Rest Europas zu tun haben will. Nun ja. Jedenfalls war sie allgegenwärtig, DIE Hochzeit. In egal welcher Wohngegend man herumlungerte, konnte man, dank der akustischen Hochzeitswellen, die aus den Häusern und Wohnungen nach außen drangen, wie ich, Vitamin-D-tankend auf meinem Balkon, zwar ohne Bild, dafür in perfekter Dolby-Surround-Qualität, die gesamte Hochzeit mitverfolgen.

Die eine Schauspielerin aus dieser Serie auf Netflix und der andere Typ da, den alle mögen, weil er so cool Party macht und dabei auch gerne mal den Popo zeigt. Letzteres vermittelt dem Fußvolk: Schaut! Er aus dem Schloss ist genauso wie wir alle. Wir zeigen im Laufe unseres Lebens mindestens einmal unseren Popo, dann, wenn es eigentlich nicht sein müsste. Voll auf dem Boden geblieben, der Kerl!

Schnell Instagram gecheckt, um doch kurz visuellen Einblick ins Geschehen zu bekommen. Mich gleich gewundert, wie viele Menschen sich für eine Hochzeit von irgendwelchen Adligen interessieren. Dann, das Kleid begutachtet: Wow. Es ist weiß. Es ist elegant. Sie hat die Haare schön. Wie ungewöhnlich für eine Hochzeit. Der rothaarige Mann an ihrer Seite hat den Bart schön und trägt irgendwas Militärisches. Oder Offizielles? Etwas Königliches? Ich habe keine Ahnung.

Könige, Königinnen, Prinzen, Frösche, Großherzoge, Prinzessinnen, Pinocchios und Aladins. Ist es nicht langsam an der Zeit, im 21. Jahrhundert anzukommen? Warum interessiert das die Allgemeinheit, uns alle, noch? Also nicht uns alle, euch, mich natürlich nicht. Mich interessiert das Ganze in etwa so sehr wie, ja, wie… wie dicke Pfefferkörner und Rosenblätter in einem Gin-Tonic-Glas. Überhaupt nicht. Obwohl, ich trink’s ja trotzdem. Man will ja doch irgendwie dabei sein. Ähnlich wie bei einer Fußballweltmeisterschaft. Kannst Du mir noch folgen?

EIGENTLICH ist es doch seltsam, dass in der heutigen Zeit, einer Zeit, die kurz davor ist, selbstfahrende Autos auf die Straßen loszulassen, es immer noch ein Thema ist, wenn Prinz und Herzogin sich gegenseitig zu lieben versprechen, bis der Tod (oder ein neuer Lebensabschnittsmensch) sie scheidet. Für mich wirkt das wie ein Musical oder ein Märchen, aber ohne vierte Wand: Ah ja, spannend. Das erfindet also niemand und das passiert wirklich. Es ist real und nicht gespielt und findet womöglich irgendwann Einzug in die Geschichtsbücher. Nein, nicht irgendwann, sondern gleich am folgenden Tag. Warum ist das noch wichtig? Warum schreibe ich diesen Text?

Anders als die Trolls und Hater in irgendwelchen einschlägigen Kommentarspalten im Internet, stört es mich auch nicht, dass dafür Steuergelder verprasst werden, denn solange Geld in die Aufrüstung gesteckt wird, sollen die Harrys und Meghans dieser Welt sich mit Steuergeldern ruhig einen Bunten machen, aber wie kann sowas heute noch von Bedeutung sein? Ist es von Bedeutung?

„Es ist einfach schön“, murmelt Freundin L.

„Wie ein schöner Strauß Blumen“, denke ich. Ja, warum eigentlich nicht…

Zuerst erschienen am 23.Mai 2018, Lëtzebuerger Journal