ICH LÜGE IMMER

Ich lüge nicht. Ich lüge nie. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken, und meinem Vater, meiner gesamten (nicht sehr strengen) katholischen Erziehung. Katholiken lügen nie und falls doch, dann beichten sie. Shit happens, dir wird vergeben, drei Mal an Maria denken, dann wird wieder alles gut. Alles wird gut, das hat man mir oft gesagt. Sei immer ehrlich, dann wird alles gut. Lüge.

Und meine Eltern? Sie haben mir nichts zu verdanken, meine Eltern, meine armen Eltern, ich bin nicht Beamter geworden, oder das höchste Mögliche aller »Biografien: Verbeamteter Lehrer. Einzelkind mit schlechtem Gewissen bittet um Verzeihung.

Hörst du Westernhagen singen? „Freiheit, Freiheit, …” Musik, ständig, sie ist immer da. Musik ist die wahre Poesie, ich kann nicht singen, ich beherrsche kein Instrument. Ich bin Poet geworden, Schriftsteller, Autor, nenn es wie du willst, wir bleiben verkorkste Rockstars, ohne elektrische Gitarre, selten mit Groupies, dafür viele Freaks.

Meine armen Eltern, aber immerhin habe ich nie Drogen genommen.
Ok, anders ausgedrückt: Ich bin nie drogenabhängig gewesen.
Oder noch besser-anders ausgedrückt: Ich hatte noch nie einen Entzug.
Wie gesagt, ich lüge nie. Ich füge höchstens etwas hinzu.

„Keine Macht den Drogen”, sagen sie.

Hier bin ich also, das lyrische Ich, die fiktive Autobiografie meines wahrhaftigen Erlebens. Wenn ich etwas hinzufüge, wird es eine Geschichte. Mit jeder neuen Geschichte erfinde ich mich neu, oder besser. Dann sterbe ich und stehe wieder auf, neue Geschichte. Dass das geht, habe ich natürlich auch meiner Erziehung zu verdanken.

Meine vielen kleinen Tode und ich. Immer diese vielen Abschiede. Abschied. Überall Abschied. Sogar in der Zeitung: Die Menschen kündigen, werden gekündigt, treten ab, hören auf, streiken. Und Liebeskummer ist natürlich auch immer ein willkommenes Geschenk.

Der Schmerz findet dich immer. Viel muss man eigentlich nicht hinzufügen, weglassen, damit es Literatur, Fiktion, wird. Ich schreibe, Geschichten werden.

Take your broken heart / Make it into art
(Meryl Streep)

Ich habe Angst vor dem Tod, der große Tod, der Ewige, der für die Endlichkeit, unendliche Nachhaltigkeit steht. Er kommt und bleibt. Aber ich, ich sterbe nicht. Ich schreibe noch. Sterben, noch nicht. Irgendwann dann allerdings schon. Mein Vermächtnis, verstaubt, gekühlt, in einem Literaturarchiv, in Luxemburg, vielleicht schaffe ich es nach New York. Hoffentlich noch, bevor ich tot bin, sterben werde.

„Es kann alles passieren”, sagt man.

Ich habe Angst vor dem Tod. Das steht so in meinen Notizheften, dass ich die habe. Diese Angst. Notizhefte. Die Tagebücher der Literaten. Wenn ich eins fertig habe, schmeiße ich es weg. Das macht den Archiven die Arbeit etwas schwerer, und lässt schnell den Anschein erwecken, dass es da etwas zu verstecken gibt.

„Geheimnisse sind wichtig”, sagt man.

Wen interessiert schon die Vergangenheit? In Zeiten der ewigen Unewigkeit, brauche ich doch kein Archiv meiner vergangenen Jahre. Ich weiß auch so, dass ich vergänglich bin. Manche schauen sich gerne Fotos von früher an, oder posten sie in sozialen Netzwerken, um alle Freunde, die followen, liken, sharen, teilhaben zu lassen, am langsamen Zerfall. Die schöne Haut, früher, war einmal, mit der Zeit immer weniger, das große Fäulnis pixelnah miterleben.

„Das Internet vergisst nichts”, sagt man.

Meine Freunde sagen oft, dass ich nicht normal bin. Das sagen die normalen Freunde, die ihr Erspartes auf Bankkonten anhäufen, für später, sagen sie.

„Wenn ihr tot seid?”, frage ich.

„Für die Kinder”, sagen sie.

Die armen Kinder, die werden doch auch sterben. Was machen die mit so viel Geld? Ein zweites Haus, Südfrankreich vielleicht?

Der Tod, immer anwesend. Kontoauszüge in Ordnern ordnen, ich schmeiße meine Kontoauszüge weg, einfach nur, weil mein Steuerberater mir dazu geraten hat, es nicht zu tun. Etwas was man gegen den Rat seines Steuerberaters tut, kann nicht schlecht sein. Sowas tun doch nur Normale, dem Rat eines Steuerberaters folgen. Solche mit Geld. Gut, dass ich Schriftsteller bin.

Alle die von Freiheit träumen / Sollens Feiern nicht versäumen
(Marius-Müller Westerhagen)

Mein Gott, und welcher Gott? Ich glaube nicht an Gott, kein Wunder, dass ich Angst vor dem Tod habe. Normale glauben, haben also keine Angst, weil sie wissen ja, dass es danach weitergeht. Nur wohin, wissen sie auch nicht. Ich schreibe, weil ich Angst habe, denn, wenn ich Recht habe, es wirklich keinen Gott gibt, wäre ich sehr enttäuscht. Die Worte, sie schützen mich, immerhin die Worte, sie sind unendlich. Worte, ich will wie die Worte sein.

Werden wütende Menschen irgendwann die Worte verbieten, nur weil sie nicht mit ihnen umgehen können? Ich weiß es nicht, es kann so viel passieren. Angst sagt man, Angst ist nicht gut. Ich habe immer Angst. Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, ein Kampf gegen den Tod, ich brauche das Leben so sehr, und tüftle seit einigen Jahren an einem Plan, zusammen mit den Worten, den Sätzen, warte nur, du scheiß Tod, warte nur, bald, dann haben wir es endlich geschafft, dich auszutricksen, die Worte und ich. Wir schreiben dich tot, Tod.

Ich besitze einen blauen Stein, oder ein glasähnliches, blaues Ding. Das habe ich vor mehr als 20 Jahren mit meinem Mini-Taschengeld gekauft, irgendwo nach einer Höhlenbesichtigung in Belgien. Ich habe es gehasst. Der Stein erinnert mich daran, wie schrecklich das ist. B e s i c h t i g u n g. Ich hasse, ich soll nicht hassen, Menschen-Gruppen, die einem „Gruppenführer” hinterherrennen. Besonders dann, wenn ich Teil der Gruppe bin, an einem Ort, wo ich nicht weiß, warum ich da bin, außer dass die Gruppe etwas besichtigt, besichtigen muss, wo man nie auf die Idee kommen würde es, ohne Gruppe und Besichtige-Mich-Schild vor der Höhle, zu besichtigen. Diese Plätze, wo man hingeht, um sie zu besichtigen, und ihre Existenzberechtigung alleine durch das „besichtigt werden” gerechtfertigt werden. Solche Plätze machen mir Angst. Eine Offenbarung der Endlichkeit. In der Grotte, Höhle, wie auch immer, wurde es mir schlagartig klar: Alles ist endlich. Ich war 9.

Vielleicht erfinde ich das aber alles auch nur, also, nicht den blauen Stein, den gibt es wirklich, aber eigentlich ist es ein platter, blauer Stein. Kann ein Stein platt sein? Von Natur aus? Und sind Steine nicht eigentlich grau? Und nicht glasig? Eher so wie ein Mini-Fels? Und wenn sie nicht grau sind, sind sie dann fake? Dürfen Steine fake sein?

Weil dann sind es doch keine Steine mehr, wenn sie fake, weil platt, glasig, sind.

Aber ich habe den Stein wirklich, es gibt den blauen Stein, ich weiß halt nur nicht, ob es ein Stein ist.

Und der Rest, alles frei erfunden? Ich weiß eigentlich nicht einmal, ob ich wirklich in Belgien war, möglicherweise war es Österreich, Österreich wirkt auch immer gleich etwas unheimlicher. Wahrscheinlich nur wegen Wolfgang Přiklopil. Und Jörg Haider. Schade, dass Falco nicht mehr lebt.

Endlichkeit, Falco dachte womöglich, dass Autounfälle ihm nichts anhaben könnten, weil doch Rockstar. Er hat sich getäuscht. Und Haider, ja, Haider wahrscheinlich auch, weil ignoranter, weißer Mann. Wolfgang Přiklopil, was dachte der eigentlich? Und sein Opfer? Natascha Kampusch, sie belegt vorderste Plätze der Beststellerlisten, Jeder soll ein Teil von ihr werden. Literatur? Leben! Der Schmerz findet dich immer. Menschen schreiben Geschichten, Geschichte für die Zukunft.

Und nun gebe ich dieser armen Grotte die Schuld dafür, dass ich Angst vor dem Tod habe. Ob sie Letztere, diese Angst vor dem Endlichen, getriggert hat? Hatte Kampusch je Angst vor dem Tod? Hat man Angst vor dem Tod, wenn man eingesperrt, misshandelt, wird? Oder ist der Tod dann das kleinere Übel? Ich sollte ihre Bücher lesen.

Ich wäre wirklich ein schlechter Terrorist, es ist mit Sicherheit gut, ein schlechter Terrorist zu sein, in der Allgemeinheit kein sehr angesehener Beruf. Selbstmordattentäter. Ich kann das nicht nachvollziehen. Wissentlich den eigenen Tod in Kauf nehmen, um andere Leute zu töten. Meine Angst zu sterben, oder ins Gefängnis zu kommen oder im Todestrakt zu sitzen, Freiheit, Freiheit, Musik, sie ist immer da, würde immer verhindern, andere umzubringen.

Die Liebe zu mir selbst, verhindert den Tod Anderer, die Selbst-Liebe muss immer Vorrang haben. Eitelkeit kann durchaus positiv sein.

Angst und Eitelkeit fehlen einem Terroristen, sonst würde man sich doch niemals in die Luft sprengen, wie sieht das denn aus? Die eigenen Organe verteilt auf einem öffentlichen Platz, zusammen mit den Körperteilen der anderen unschuldig Ermordeten. Niemand der auch nur etwas auf sich hält, würde sowas tun.

Eitelkeit, Angst, das braucht ein Schriftsteller, sonst wird das nichts mit der Literatur.

Mir wurde vor nicht allzu langer Zeit ein Freund genommen. Einer meiner schönsten Freunde. Er hat sich das Leben selbst genommen. Er hatte keine Angst vor dem Tod. Kann man so traurig sein, es so satt vom Leben haben, dass der Tod zum kleineren Übel wird?

Er wurde mir also nicht genommen, er ist gegangen. Das werde ich nie verstehen. Wie kann jemand sich das eigene Leben nehmen? Ich akzeptiere es natürlich, aber es bleibt ein Rätsel, wie ein Mensch dazu in der Lage ist. Da ich es womöglich nie tun werde, ich will leben, ich will leben, ich will schreiben, erleben, noch mehr leben, um noch mehr zu schreiben, werde ich mich nie in solch eine Lage versetzen können. Die Lage, kurz bevor man die Entscheidung in die Tat umsetzt.

Ich verurteile ihn nicht, nie, für nichts, auch wenn er sich nicht verabschiedet hat, natürlich hat er sich nicht verabschiedet, ich hätte ihn nie gehen lassen dürfen. Aber er darf das, natürlich darf er, er darf gehen. Er darf entscheiden zu gehen. Und dieser Schnitt, diese Wunde, die er in mein Leben gerissen hat, ein neuer Lebensabschnitt wurde sozusagen erzwungen, ist maßgeblich für mein Schreiben geworden. Die Wichtigkeit der Dinge hat sich drastisch geändert, verschoben. Diese Wunde ist so tief, es soll sie jeder sehen. Weil ich nicht so tun kann, als wäre sie nie da gewesen. Und es ist beispiellos dafür, dass meine Literatur auch immer mein Leben ist, ich, meine allerbeste Muse.

»Shit happens«, sagt man.

Was wäre eine vergleichbare, gute bis bessere, Schöpfungsquelle? Ein Besuch in einem Museum? Ein Treffen mit einem Obdachlosen? Weil die Misere Anderer Schriftsteller immer so berührt, dass sie gleich ein Buch daraus machen, weil sie nun zu wissen glauben, wie es sich anfühlt, ein Obdachloser zu sein? Ich habe keine Ahnung, wie es ist, kein Dach über dem Kopf zu haben, „Gott” sei dank.

Ich weiß aber, was es heißt, verlassen zu werden. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut, weil Menschen einen immer verlassen. Und ich immer Menschen verlassen werde, denn Menschen verlassen Menschen. Auf das Leben ist kein Verlass. Darauf ist Verlass. Diese Angst vorm Verlust Anderer und mir selbst, diese Angst ist der Antrieb für mein Schreiben. Da ich weiß, um was und wen es geht, wenn ich über mich, und mein nächstes Umfeld schreibe.

Meine Literatur ist auch immer mein Leben, weil ich mein Leben, das Erlebte, als so intensiv, als so unausweichlich erlebe, dass ich als Schriftsteller nicht so tun kann, als wäre es nicht nötig, es aufzuschreiben.

Ja, ich schreibe über mich, immer über mich.

Aber ich habe auch was zu erzählen, meistens, auch nicht immer. Aber der Kopf ist nie ausgeschaltet, da wird dauernd gearbeitet, bis das Erzählte raus muss. Ich will nackt sein, alles offen zeigen, verletzlich bleiben. Nicht mir „irgendwas” ausdenken, weil ich weiß, dass das „gut ankommt”. Bei der Masse. Beim Fachpublikum. Beim Feuilleton. Oder anderen Wichsern. Das interessiert mich nicht.

Aber selbstverständlich interessiert Erfolg auch mich. Umso größer mein Erfolg, desto größer die Chance, dass meine Geschichten viel gelesen werden. Ich will gelesen werden, aber nicht um jeden Preis, und zwar: Meiner Selbst.

Wichser – warum ist Wichser eigentlich ein Fluchwort geworden? Das ist doch durchaus etwas Schönes: Wichsen.

Ich werde meine Geschichten so lange aufschreiben, wie sie gelesen werden. Und werden sie nicht mehr gelesen, dann schreibe ich trotzdem weiter. Weil ich kann, erzählen muss, ich muss.

Ich schaue auf diese Karte, diese zusammenklappbare Abschiedskarte, Einladungskarte zum Begräbnis, Beisetzung, so sagt man. Nichts ist ewig, Beisetzungen auch nicht, Asche unters Gras, weinen, Musik, saufen. Alkohol, Ewigkeit. Kein Wunder, dass ER aus Wasser Wein machte. Nicht einmal deine besten Freunde sind ewig.

Ich schaue auf diese Abschiedskarte, die die Abschiedsfeier ankündigt, und ich sehe ein lebendiges Lächeln von einem toten Menschen, das von meinem toten Freund, der sich das Leben genommen hat.

Was für ein Scheiß. Auf dem Foto, da lebt er doch, er lebte, als das Foto geschossen wurde, als wäre das, was da vor einem ist, für immer gültig. Dieses scheiß Bild heuchelt Ewigkeit vor.

Anschreien möchte ich es, du scheiß Bild, aber ich schreibe diesen Text in einer Bar, hier sollte man nicht schreien, wenn man noch nicht betrunken ist. Ich glaube dir kein Wort, du scheiß Bild, du verficktes Foto, er ist doch tot, er lebt nicht mehr, im Hintergrund, grüne Blätter, grün, die Hoffnung ist grün, so sagt man, was macht denn die Hoffnung auf diesem scheiß Bild mit einem Toten davor? Fotos sind zynisch. Nur weil er auf dem Foto lacht, heißt das doch nicht, dass er heute immer noch so lacht. Ich werde immer traurig, wenn ich mir das Bild anschaue. Ich weiß, dass da noch nicht alles geschrieben ist.

Das war ein schöner Moment, da, zu diesem Zeitpunkt, auf dem Foto. Er lacht. Er war so glücklich. Alle sagen, dass das ein schönes Foto ist, weil er so glücklich war, zu diesem Zeitpunkt, weil er lacht. Es ist wirklich ein schönes Foto, aber kein Moment.

Man sagt, man fotografiert den Moment, und der würde dann für immer festgehalten werden, aber das stimmt nicht. Der angebliche Moment ist gar keiner, Fotos halten keine Momente fest, Fotos halten Vergänglichkeit fest.

Gut, dass ich Schriftsteller bin.

Zuerst veröffentlicht in aufbewahrt ! Literarisches Leben in Selbstzeugnissen, Dokumenten und Objekten.