AUA!

Die Serienlandschaft wird immer vielfältiger. Immer mehr auch der „Norm“ nicht entsprechende Themen finden Einzug in die jeweiligen Handlungsstränge, nicht nur weiße Männer besetzen die Hauptrollen und überhaupt wird mit den gängigen Klischees zunehmend gebrochen. Sehr gut. Es fehlt demnach nicht an hochwertigen Serienformaten. Im Gegenteil: Immer mehr Streaming-Anbieter. Immer mehr Geschichten. Immer mehr innovative Konzepte. Juhu. Bis die Blase platzt, aber das wird sie erstmal nicht, wie mir letztens ein Typ erklärte, der sich um das viele Geld anderer Typen kümmert. Er sagt seinen Typen dann immer, dass sie viel Geld in Netflix investieren sollen, weil da wohl noch einiges gehen wird.

„Da geht noch einiges“, sagt er dann.

Nach oben, immer nach oben, erstmal. Seine Erklärung war etwas differenzierter, aber ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern. Zu viel Fachjargon. Das ist nichts für zartbesaitete Poeten-Herzen.

Apropos zartbesaitete Poeten-Herzen: Tatsächlich will ich über Gewalt und Sex reden. Mehr über Gewalt als über Sex. Wer einige Serienmarathons hinter sich hat, weiß, dass die Serien nicht an nackter Haut und Blut sparen. Mit nackter Haut habe ich überhaupt kein Problem. Männer und Frauen, zieht euch weiterhin aus und liebt euch gegenseitig oder liebt euch selbst. Das ist ok. Das tut niemandem weh.

Geraucht wird auch mehr in den Serien, besonders auf Netflix. Noch nicht so lange ist es her, wenn ich mich recht erinnere, dass sich irgendeine Anti-Raucher-Vereinigung darüber beschwerte, dass zu viel Nikotin in Netflix-Produktionen konsumiert wird. Persönlich stört mich das nicht: Sex und eine oder zwei Kippen danach hat noch niemandem geschadet, auf kurze Sicht gesehen.

Tatsächlich fallen mir aber die heftigen Gewaltszenen auf, die doch deutlich zugenommen haben. Fast in allen mehr oder weniger neuerschienenen Serien, die ich in den letzten fünf Monaten gesehen habe (Luke Cage, Marcella, Happy!, 13 reasons why?, Black Lightning, Goliath), waren unfassbar brutale Szenen zu erleben.

Messer durch die Augen schlitzen, kein Problem. Kopfschuss, fast schon langweilig. Arme verdrehen, kaum der Rede wert. Kopf zu Brei zusammenschlagen, naja, er hatte es verdient. Abgetrennte Köpfe auf Spießen vor einem Krankenhaus, das neu eröffnet werden soll, zur Schau stellen, locker. Hoden abschneiden, das Geschrei dazu, es muss schließlich glaubhaft wirken: Ein dramaturgisches Must-Have. Eine Vergewaltigung so authentisch wie möglich darstellen, ja, der oder die ZuschauerIn muss wachgerüttelt werden.

Was soll die Botschaft sein? Dass das Leben nicht immer schön ist? Es ein Leben voller Blut und Ungerechtigkeit ist? Oder geht man mittlerweile davon aus, dass der oder die ZuschauerIn überhaupt nichts mehr fühlt, wenn Gewaltsituationen nicht so heftig wie eben nur möglich gezeigt werden? Frei nach dem Motto: Die Tagesschau und das alltägliche Leben sind als solche bereits so hart und blutrünstig, dass die Fiktion im Namen der Unterhaltungsbranche noch eins draufpacken muss.

Ich auf jeden Fall verspüre verstärkt den Wunsch, mehr nackte Menschen und süße Baby-Welpen-Videos anzuschauen.

Zuerst erschienen im Lëtzebuerger Journal am 26. Juni 2018