SWEET BABY

Wie geht es dir? Mir geht es gut. Und dir? Ja, sagst du, dir auch, aber eigentlich geht es dir nicht so gut, aber eigentlich willst du nicht darüber reden, weil dann würde der kurze Moment, der eigentlich ein kurzer bleiben sollte, kein kurzer mehr bleiben und den Rahmen einer oberflächlich angedachten Konversation sprengen und überhaupt ist hier auch gerade so viel los. So schlecht geht es dir aber auch nicht, sagst du. SO SCHLECHT NICHT. Und es ist ja auch schön, wenn HIER einmal was los ist.

Links die ganzen Food Trucks mit tätowierten Veggie-Zeug-GrillmeisterInnen, die früher mal KünstlerInnen werden wollten, aber dann wurden sie VegetarierInnen, flogen weit fort und kamen zurück als Veggie-Zeug-GrillmeisterInnen und sind wahnsinnig entspannt, währenddessen sie Linsendinger braten.

Rechts die Urban-Design-Stände mit innovativen Upcycling-Ideen, „gestartuped“ von sehr bemüht gut aussehenden Menschen in ihren Endzwanzigern, welche zu intellektuell angehauchten Bass-Tönen über ihre ambitionierten Kreativ-Projekte schwadronieren.

Weiter vorne, gut 20 Meter von uns entfernt, eine Bühne mit vier Männern.

Aus den Lautsprechern dröhnt handgemachte Rockmusik, wie sie früher noch üblich war, als David Guetta noch in die Windeln kackte und ihre Zuschauer, mittlerweile in ihren Endvierzigern, noch Träume hatten, die von einer besseren Welt ohne Kapitalismus und Atomkraftwerke beispielsweise. Heute, angekettet an ihre Ledersessel in der obersten Etage einer Immobilienfirma, mit immerhin Blick über die Altstadt und Fitnessgeräten im Keller, ist man schon zufrieden, dass zumindest die Rockmusiker noch die Songs von früher spielen…

„I’m so tired of the same old crud sweet baby, I need fresh blood“ (The Eels)

Vielleicht sollten wir uns irgendwann mal so richtig sehen, wenn es nicht so laut ist, wenn hier nicht so viel los ist, irgendwo, wo man reden kann. Ist ja auch schon voll lange her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben. Wie lange ist das schon her? Zehn Jahre? 15 Jahre, antworte ich. Ja, sagst du. Ja ja, sagst du. Die Zeit vergeht, ja, wir werden älter, sagst du. Ich sage, dass irgendwas halt immer gehen muss.

Die Rockmusiker gehen von der Bühne. Das Licht geht aus. Ein anderes Licht geht wieder an. Ein betrunkener Kulturredakteur fragt ein Mädchen, ob heute noch was geht? Sie ignoriert ihn und geht an ihm vorbei. Ich gehe einen Schritt zurück, als letzterer, mit verletztem Stolz, an mir vorbei schwankt. Und du sagst, dass du dann auch mal weitermusst und gehst weiter.

Zuerst erschienen im Lëtzebuerger Journal am 3. Juli 2018