PROVINZ 2022

Es könnte so einfach sein, würde man die Hauptleidtragenden rund um Esch2022, S. und W., ihre Arbeit machen lassen. So einfach ist es aber offensichtlich nicht. Noch vor Monaten wurde unseren Esch-Protagonisten gratuliert und auf die Schulter geklopft, da ihre Kandidatur für Esch2022 von der entsprechenden europäischen Jury bewilligt wurde. Alle waren stolz auf das fast neugeborene Baby: Remix Culture in Esch. Zusammen mit allen benachbarten Gemeinden, Ställen, Dörfern, sollte unser wunderschöner, wenn auch eigener Süden wieder zurück auf die Weltkarte oder zumindest auf die europäische Karte gebracht werden. Nichts dergleichen, dafür ein einziges Chaos. Der Kampf der Provinzler.

Aber von vorne. Eine von der Esch 2022 asbl eingesetzte „Groupe adhoc de travail“ sollte Ordnung schaffen. Erster Vorschlag: Die Herabstufung der bisherigen Posten von W. und S. zum Coordinateur artistique und Attaché de Presse. Was für ein scheiß Vorschlag, wenn man bedenkt, welche Arbeit die beiden für diese Kandidatur geleistet haben.

In einer Pressemitteilung lehnten die undankbaren Kulturschaffenden den Vorschlag also entschieden ab. In den Kommentarspalten wird bereits gepöbelt, dass die beiden HauptprotagonistInnen undankbar sind und nur ans Geld denken, aber warum sollten letztere auch nicht das Recht haben undankbar zu sein und ans Geld zu denken? Es gibt keinen Grund dankbar zu sein, wenn die eigene Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Hinzu kommt, dass die ganze Geschichte auch vertragsrechtlich nicht ganz sauber abläuft. Geld, Herabstufung, widerrechtliche Verträge, peinlich genug. Für den Bürgermeister aka ehemaliger Sportlehrer alles kein Problem. Die Message nach außen: Die Stimmung ist super bei uns im Verwaltungsrat und könnte noch besser sein, wenn sich alle Anderen nicht wie Schüler benehmen würden. Gotta dir das zergehen lassen auf der Zunge. Wir im Recht und wer uns nicht Recht gibt, ist böse, Schüler oder Amateur. Ein Spiegelbild der aktuellen europäischen Politik. Ignorant und hohl und weltfremd. Hauptsache gewinnen. Es lebe der Sport.

Schlimmer geht immer. Eine der Hauptforderungen seitens der Europäischen Union war eine unabhängige Struktur für das Projekt, das die künstlerische Freiheit garantieren soll. Freiheit, Kultur, Kreativität, die wichtigsten Kriterien für eine gut funktionierende Gesellschaft, werden vom Aufsichtsrat der Esch 2022 asbl mit Füßen getreten, weil jeder Dorftrottel, jeder inkompetente Provinzpolitiker mit eingebildetem Anspruch auf einen Sitz im Abgeordnetenhaus, glaubt mitmischen zu dürfen. Ein kleines Epos der Macht.

Für viele unter den politisch Verantwortlichen scheint es in keinem Widerspruch zu stehen sich öffentlich gegen Zensur und Machtspielchen auszusprechen, indem sie die Regierungshaltung der Türkei oder von Ungarn kritisieren, doch gleichzeitig aktiv in ein so künstlerisch wertvolles Projekt, wie das von Esch2022 eingreifen. Das Vorgehen hinter den Kulissen von Esch2022 ist symptomatisch für das, was wir schon in naher Zukunft in ganz Europa zu befürchten haben: Eine Diktatur von oben. Die Aufhebung der Privatsphäre. Die Abschaffung der (künstlerischen) Freiheit. Die Dummheit und Willkür der verantwortlosen Verantwortlichen. Und der Premier? Schweigen. Schade.

Stattdessen wollen nun neoliberale gewendete Kunstbanausen mitbestimmen was künstlerisch wertvoll ist und was nicht. Und man braucht sich bloß nicht einzubilden, dass diese künstlerische Wertigkeit auf Grund ihres Inhaltes überprüft und entschieden wird. Wertvoll ist der machtpolitische und wirtschaftliche Nutzen und sonst nichts.

So ist es kein Wunder, dass die letzten guten Leute, wie A. oder wie erst kürzlich, C., den Verwaltungsrat Esch2022 Asbl verlassen haben. Übrig bleiben ein paar traurige Postenjäger und Wirtschaftsvertreter, die von Kultur und Esch soviel verstehen wie Trump von Taktgefühl. Es bleibt den letzten guten Leuten rund um Esch2022 nur noch zu raten ihre Würde nicht zu verlieren und sich notfalls dem Projekt zu entziehen. Geht nach Düdelingen oder ins Ösling. Oder nach Berlin. Dort werdet ihr mit offenen Armen begrüßt.

Erstmals im Feierkrop vom 29. Juni 2018 erschienen, in leicht abgeänderter Form.