KULTURÄÄÄHENTWICKLUNGSPLAN

Da ist es also. Das neue große Werk von Culture Daddy, welcher mit viel Blut und Schweiß versucht hat, die luxemburgische Kulturpolitik zu revolutionieren. Oder zumindest den Versuch gewagt hat überhaupt eine Kulturpolitik zu etablieren. Ein fettes 190seitiges Ding, voll mit Empfehlungen, wie die kommende Regierung den Kulturbetrieb besser organisieren könnte. Und die Aufregung war groß. 

Einen Tag vor dem Showdown der großen Assises Culturelles am 29. und 30. Juni 2018 im luxemburgischen Konservatorium wurde das Manifest der vorsichtigen Empfehlungen online gestellt, pünktlich um Feierabendzeit, damit die Chance auf sofortiges Feedback auf ein striktes Minimum reduziert werden konnte. In die Materie einarbeiten? Unmöglich. 

Viele KünstlerInnen waren also erstmal das, was sie am besten können: Beleidigt sein. Sie boykottierten die Kultursitzungen im Konservatorium oder hatten keine Zeit, da sie schlichtweg arbeiteten.

Und jetzt? Ja, wie soll man sagen? Abwarten. Schauen. Gucken. Mal sehen. Es ist auch nicht einfach. Das weiß auch ein Premier, der die wenigen TeilnehmerInnen zu besänftigen wusste, da er sich nur zu gut in die Lage seiner KünstlerInnen hineinzuversetzen verstand. Er erzählte von seiner Zeit als junger aufstrebender Anwalt, die Zeit vor seiner Zeit als großer Bürgermeister, Premierminister, Kulturminister und Medienminister, als er sich knapp über der von KünstlerInnen so befürchteten Armutsgrenze durchboxen musste. Soviel Verständnis und Taktgefühl vom aktuellen KULTURMINISTER hatte nun wirklich keiner erwartet. Ein paar Tränen flossen. Rührend.

In kosmopolitisch anmutender lässiger Talkshow-Atmosphäre wurde das 190-seitige Ding besprochen, kommentiert und hinterfragt so gut wie eben nur möglich etwas zu besprechen ist, das kaum jemand zu Gesicht bekommen hat. Lustig, oder?

Was kann von einer guten Kulturpolitik erwartet werden?

Hier sind sich auch die KünstlerInnen untereinander kaum einig. Manche wollen viel mehr im Ausland gesehen werden, aber meiden es sich dementsprechend international zu öffnen. Ist das die Aufgabe der Politik? Ja. Vielleicht. Aber wie? Und wo beginnt wessen Verantwortung? Wo hört sie auf?

Jeder seines eigenen Glückes Schmied, sagt man. Salonfähiger Zynismus, endlich, antwortet der kleine Neoliberale im Polohemd.

Andere lamentieren über die Tatsache, dass Banken ihnen keinen Kredit gewähren, um sich, nach Vorbild der normalen Menschen, ein kleines Häuschen in Differdingen leisten zu können. Der kleine Neoliberale muss jetzt laut lachen.

Dann wird sich über das Publikum beschwert, das die heimische Kunst nicht genügend zu wertschätzen weiß. Ist die luxemburgische Kunst zu schlecht? Zu platt? Oder ist das Publikum zu blöd? 

Ja, es kommt einem manchmal schon so vor, als wären KünstlerInnnen die besseren SpießerInnen, die sich in ihrer Opferrolle pudelwohl fühlen und ganz nebenbei vergessen für das einzustehen, was gute Kunst ausmacht: Mut. Risiko. Kompromisslosigkeit.

Aber aber aber wir wollen doch auch, wir wollen auch auch auch auch… was wollt ihr denn? Äääääh. Dass man unseren Beruf wertschätzt. Aber schätzt ihr euch denn selbst? Habt ihr euch selbst lieb? Äh. Äh. Äh. Wir haben euch nicht vergessen, wir sind für euch alle da, ihr sollt nicht betteln, ihr sollt Künstler sein dürfen, ohne auf irgendwas verzichten zu müssen, gibt sich der Premierminister großzügig und und und… ja… and then you die.

Ja, es kommt einem manchmal schon so vor, als wäre es der Regierung einfach nur scheißegal, was eine vernünftige Kulturpolitik ausmacht, nicht weil sie böse ist, vielleicht etwas ignorant, sondern die Not zu erkennen, wie wichtig Kultur und Kunst für eine intakte Gesellschaft ist, nicht dringlich genug erscheint. Fehlt die Zeit? Vielleicht.

Jedenfalls glänzen die Broschüren der subventionierten Kulturhäuser, die Klodeckel sind aus Gold und während den Ausstellungseröffnungen gibt es immerhin noch genug zu saufen. Umsonst. Und die paar Beamten im Kulturministerium kennen nicht einmal die Namen ihrer Kulturschaffenden, warum auch? Sie erhalten jeden Monat einen Lohn, der Schreibtisch ist aus echtem Holz und der Job ist sicher und Sicherheit ist der Feind einer soliden Kulturpolitik.

Fazit: Alles ist wie immer. Mir wëlle bleiwe wat mir sinn. Der Kühlschrank ist zumeist zumindest halbvoll und naja, so schlecht geht es uns allen doch auch nicht. Schmeißt noch etwas Geld in die hungrigen Mäuler der Mittellosen und zu Not füllt das klassische Dorftheater jedes Kulturhaus in jedem Kuhdorf, denn eins ist sicher: Die Zahlen müssen stimmen. Abwarten. Schauen. Gucken. Mal sehen. Let’s take at least the Häppchen.

Zuerst veröffentlicht im Den neie Feierkrop am 6. Juli 2018, in leicht veränderter Form

Foto: Vor einigen Jahren las ich im luxemburgischen Kulturministerium. Alle waren super freundlich und voll begeistert. Alle anderen waren nicht anwesend.