NICHTS NEUES

Ich will überhaupt nicht weg. Ich will genau hier sein und hier bleiben. Ich will nichts sehen. Ich will keine neuen Menschen kennenlernen. Nein, ich finde es sogar äußerst blöd, neue Menschen kennenzulernen. Immer neue Menschen kennenlernen. Ich sammle keine Menschen. Die paar, die ich kenne, sind anstrengend genug. Also die, die man kennen muss, um ja, äh, irgendwas halt. Nicht solche, die man sich selbst ausgesucht hat und seit jeher da sind, die sind nämlich wirklich toll.

Neue Menschen sind daher unerwünscht: Was ist deine Lieblingsfarbe? Wirklich? Grün? Wie toll, das ist meine auch. Aha, du bist Jungfrau. Ja, was mein Sternzeichen angeht schon. Hahahaha. Wow, Humor hast du auch. Ich finde es super wichtig, dass Leute Humor haben. Jaja.

Gespräche mit fremden Menschen sind fürchterlich anstrengend, weil die Gespräche, aber nicht die Menschen, die gleichen bleiben. Da spar ich mir doch gleich die anderen Menschen. Bloß nichts verändern. Lass uns Altbewährtes zelebrieren.

Ich finde es super schön, das ganze Jahr über nichts Neues zu machen oder Neues zu erleben. Und das jahrelang, sprich: Jedes Jahr. So bleiben mir Überraschungen zwar größtenteils verwehrt, gute, aber vor allem auch die bösen, aber ich weiß, was ich habe und damit kann ich umgehen, weil ich mich die letzten Jahre über an die bestehenden Umstände und Menschen gewohnt habe. Nur hoffen, dass letztere auch nicht vorhaben, sich deutlich zu verändern.

Ich verstehe diesen Aktivismus auch nicht. All diese Leute, die ständig auf der Suche nach dem nächsten geilen Sonnenuntergang irgendwo auf der anderen Seite der Erdkugel sind. Oder das neue Restaurant in der Altstadt, das ganz besonders spannende Küche zu bieten hat, weil sie nordkoreanische und amerikanische Lieblingsrezepte der Eltern von Diktatoren und Präsidenten kombinieren. Eine neuen Sportart entdecken möchten. Ein neues Auto kaufen wollen. Ein neues Haus. Eine neue Freundin. Einen neuen Freund. Unfassbar mühsam.

Oder diese Eventlust irgendwohin zu gehen und 20 Euro für eine Veranstaltung auszugeben, wo erst kurz vor Beginn aufgedeckt wird, um welche Veranstaltung es sich handeln wird. Ähnlich wie bei einer Sneak Preview. Ins Kino gehen und nicht wissen, was gezeigt wird. Seid ihr denn alle verrückt? Das ist doch alles Lebenszeit, die drauf geht. Es ist ja schon schlimm genug, wenn man sich einen Film selbst aussucht und sich nach 15 Minuten herausstellt, dass die nächsten 60 Minuten keine besonders unterhaltenden werden, aber immerhin hat man sich um einen guten Abend bemüht. Der Wille war vorhanden.

Nächste Woche dann wieder hier. Gleicher Tag. Gleiche Zeitung. Gleiche Kolumne. Gleicher Autor.

Zuerst veröffentlicht am 24. Juli 2018 im Lëtzebuerger Journal