ID-KRISE

Ok FreundInnen. Es tut mir leid für vergangene Woche. Besonders Du, meine liebe Stammleserin, mein lieber Stammleser, sollst nicht glauben, dass ich nichts Neues mehr erleben will, jeden Tag nur die gleichen Gesichter und Wände ansehen möchte. So langweilig bin ich dann doch nicht. Warum dann überhaupt noch diese Kolumne lesen, wenn dessen Verfasser nichts Neues mehr erleben möchte? Zu Recht würdest Du Dir diese Frage stellen.

Ich erkläre es Dir. Es ist eine Identitätskrise. Eine persönliche, eine kolumnistische (kann man das so sagen?). Es ist alles so langweilig. Es ist alles viel zu viel. Ich komme nie irgendwo an und doch will ich ständig weg. Boah, ist das aufregend.

Keine zwei Kilometer von meinem Bett entfernt ist ein See, aber ich bin zu faul, mich an- und auszuziehen, mich gegen die Hitze auf dem Weg dorthin zu behaupten und bleibe konsequenterweise im Bett liegen, um die dritte Staffel von „El Chapo“ zu bingen. Wie soll ich jemals in der Lage sein, diesen Kontinent für eine längere Reise zu verlassen, wenn mich die Planung eines Tages am See schon komplett überfordert.

Heute gehe ich auch nicht laufen, da mein rechter Fuß angeschwollen ist. Irgendwas mit der Sehne vielleicht. Eigentlich möchte ich auch nicht tagtäglich die gleiche 400-Meter-Laufstrecke laufen und letztere im Kreis und zwar vierundzwanzig Mal, um sicher zu gehen, dass ich den restlichen Tag mit ungesünderen Tätigkeiten verbringen kann.

Bei zehn Kilometer Laufstrecke pro Tag kann man sich dann auch vier Gin Tonics (aus gesundheitlicher Perspektive) leisten. Würden die Addiktologen hier zustimmen? Oder sollte ich auf Rotwein umsteigen? Selten war ich so glücklich, einen angeschwollenen Fuß ertragen zu müssen. So brauche ich mich nicht mehr aus der Wohnung zu bewegen, aber dann habe ich wiederum Angst, fett zu werden, aber die Anti-Bodyshame-AktivistInnen im Internet behaupten, dass es völlig ok ist, fett zu sein. Hauptsache ein Body, weil ohne Body wüsste die Seele nicht, wohin. Habe ich das soeben geschrieben? Es ist eine ID-Krise, ich habe Dich gewarnt. Oder ist es eine frühzeitige Midlife-Crisis?

Ich will weg, ich will hier bleiben, ich will diese verdammte Kolumne nicht mehr schreiben. Nein, ich will zweimal wöchentlich eine Kolumne schreiben. Ich werde niemals mehr ein Lyrik-Buch veröffentlichen. Vielleicht veröffentliche ich noch Anfang 2019 ein viertes Lyrik-Buch, kurz vor meinem Romandebüt. Nein, ich veröffentliche keine Bücher mehr. Vielleicht bist Du beziehungsunfähig. Oder ich unfähig in einer Beziehung. Diese scheiß Widersprüche. Was willst Du überhaupt? Ich weiß es doch auch nicht.

Ich weiß nur, dass dieser Gesundheitswahn mich verrückt macht, aber ich selbst nicht mehr rauche, weil ich Angst vor Krebs habe. Eigentlich ist das alles Quatsch. Der Lauf des Lebens macht ja, was er will. Nicht wahr, Herr Lauf?

Was ich sicher weiß, ist, dass ich nur noch in Hotels leben und nichts mehr besitzen will. Außer vielleicht ein Haus in Italien, also: eine Villa. Mit Pool und schönen Menschen im Pool. Und heiraten ist echt so „Elterngeneration“, aber Du willst doch meine Frau werden?

Zuerst veröffentlicht am 31. Juli 2018 im Lëtzebuerger Journal