SCHMERZ OH SCHMERZ

Tagelang, stundenlang, laufe ich durch die Straßen von Berlin (bisschen pathetisch der Anfang, sorry) und laufe einfach nur. Das ist es, was ich am meisten unter Leben verstehe: Laufen. Weiterlaufen (immer noch pathetisch, sorry).

Es müssen nicht die Straßen von Berlin sein. Es dürfen auch die Straßen in Luxemburg oder Istanbul sein (pathetisch, aber immerhin flexibel). Ich laufe dann vorbei an vielen hochschwangeren Frauen, die besonders im Hochsommer, zumindest gefühlt, vermehrt unterwegs sind. Dann frage ich mich, wie das wohl sein muss, ein Kind zu kriegen.

Letzteres meine ich wortwörtlich, denn ich werde mir in solchen Augenblicken einmal mehr bewusst, dass die Natur für jemanden meines Geschlechts keine Gebärmutter vorgesehen hat. Aktuell ist es Männern nämlich immer noch nicht möglich, ein Kind zur Welt zu bringen. Gut, dass wir das geklärt haben. Eine Geburt soll wohl eine schmerzvolle Erfahrung sein. V., eine ex-schwangere Freundin, behauptete, dass es aber die schönsten Schmerzen in ihrem Leben waren, diese „Geburtsschmerzen“.

J., eine andere ex-schwangere Freundin, empfand die Schwangerschaft und die damit verbundene Geburt als schlimmste Zeit ihres Lebens, weil Gewichtszunahme, weil Alkohol- und Nikotinverzicht, weil eben überhaupt keine schönen Schmerzen. Ich nicke dann immer und rufe mir die schlimmste körperliche Schmerzerfahrung zurück in Erinnerung. Das war während eines Karate-Kampfes, als sich mein Knie, beim Versuch einen Schlag abzuwehren, in alle möglichen Richtungen verdrehte. Ich übergab mich vor Schmerz, ja, ich fiel fast in Ohnmacht. Ich habe richtig gelitten und stand dabei die ganze Zeit im Mittelpunkt, da sich alle um mich kümmern mussten.

Der Nachteil an diesem Geschehnis war die Operation danach, die Krücken, der Schmerz. Der Vorteil war, dass ich im Mittelpunkt stand und mir klar wurde, dass ich das gut finde, wenn alle auf mich schauen oder mich lesen. Die Geschichte war nur etwas zu authentisch erzählt. Es fehlte an Distanz. Eine Narbe ist geblieben. Ein schöner Schmerz war dieser nicht. Falls, frei nach diesem Film mit Schwarzenegger in der Hauptrolle, einmal Schwangerschaftsexperimente an Männer durchgeführt werden, werde ich mich jedenfalls nicht freiwillig melden.

Jetzt, wo ich die Aufmerksamkeit wieder schön auf mich gelenkt habe, weiß ich gar nicht mehr, über was ich eigentlich schreiben wollte. Durch die Straßen laufen. Leben. Weiterlaufen. Hochschwangere Frauen. Schmerz. Ah, ich wollte über Schmerz schreiben und dachte dann über Sex nach, da es Menschen gibt, die guten Sex immer auch mit Schmerz verbinden, sowie auch das Schreiben, die Kunst allgemein und die Schönheit, denn wer schön sein will, muss durch den Schmerz.

Und natürlich verbinde ich hochschwangere Frauen nicht grundsätzlich mit Schmerz. Rede ich mich gerade um Kopf und Kragen? Gut, dass diese Kolumne nun zu Ende ist und bis nächste Woche überlege ich mir ein paar neue lustige Schmerzen.

Zuerst veröffentlicht im Lëtzebuerger Journal am 14. August 2018