OUTTAKES IV: DIE WÜRDE

Alltag: Eine Notiz

„Dann essen Sie doch!”, sagt Pflegerin 1.

„Das schmeckt aber lecker!”, sagt Pflegerin 2.

„Mmmmmmmmmmmh!”, mmmht Pflegerin 1.

„Alles aufgegessen! Sehr gut! Sehr gut!”, sagen Pflegerin 1 und Pflegerin 2 in gemeinsamer Bewunderung für die Alte, die es geschafft hat, ohne zu ersticken, den Brei aufzuessen.

„Bravo! Bravo!”, sagt Pflegerin 1.

„Ich will, dass er endlich kommt.”, sagt die Alte.

„Wer soll kommen?”, fragt Pflegerin 2.

„Der da oben. Soll er kommen und mich gleich mitnehmen. Ja, holen soll er mich doch endlich.“, antwortet die Alte.

Währenddessen hebt Pflegerin 1 die Alte aus dem Bett. Pflegerin 2 schiebt die Alte vor den Fernseher. Pflegerin 1 holt kurz ihr Handy aus ihrer Hosentasche und checkt, ob ihr Tinder-Match geantwortet hat. Das hat er nicht.

Dann wird geduscht, mehr gegessen, gesessen, eine weitere Zwischenmahlzeit gegessen, noch mehr Fernsehen in Überlautstärke geschaut und geschlafen. Und einmal wieder vierundzwanzig Stunden näher am Endgegner.

„Gute Nacht”, brüllt Pflegerin 2.

„Fick dich, du dumme Sau!”, brüllt die Alte.

Abschied: Die letzte Notiz

Am Tag drauf besuche ich die Alte ein letztes und zweites Mal in diesem Monat. Seit fünf Jahren liegt die Alte hier. Meistens schreit sie mich an, weil sie mich nicht erkennt. Dann vergisst sie wieder, dass sie mich nicht erkannt hat und erkennt mich wieder. Und vergisst es wieder. Dann bittet sie den da oben doch ein bisschen schneller zu machen. Dann schläft sie kurz ein, wacht wieder auf und schreit und schläft wieder ein.

Das Sterben der Alten: Ableben in Slomo

Wer Alzheimer Playboy Selbstmord googlet, erfährt über einen Menschen, der nur noch einen Ausweg sah, um in Würde zu sterben. Ziel war es dem gleichen Schicksal wie der Alten und vielen anderen Alten hier im Heim Endstation zu entgehen. Krankheiten sind Arschlöcher. Und Arschlöcher insistieren.

„Ganz sein oder gar nicht mehr ganz sich selbst sein, bis man nicht mehr ist?“, das ist hier die Frage.

„Ich will weg.”, sagt sie.

„Ich kann dich verstehen.”, antworte ich nicht, aber ich kann sie verstehen.

Alzheimer Playboy Selbstmord

Ich sage nichts und drücke ihre Hand und wehre mich gegen diesen unchristlichen Gedanken ihr das Kissen unter dem Kopf wegzuziehen, um ihr nicht die Hand, sondern das nicht mehr ganz so saubere Kissen auf das Gesicht zu drücken. Sie will es. Ich kann es nicht. Sie schreit mich nochmal an. Kurze Stille. Schrei. Tränen. Schrei. Stille. Sie will ihren letzten Atemzug hinter sich bringen und ich soll ihr dabei helfen. Mir selbst helfen, damit ich nicht mehr mit ansehen muss, wie sie leidet. Sie mir nicht dabei zuschauen muss, wie ich ihr ihren Wunsch nicht erfüllen kann. Unterlassene Hilfeleistung? Womöglich in zweihundert Jahren. Mein Gedanke wird unterbrochen. Jetzt beschimpft sie mich ganz plötzlich auf italienisch, weil ich der Sohn meiner Mutter bin.

„Das stimmt.”, antworte ich.

„Ich bin der Sohn deiner Tochter.”, erkläre ich etwas genauer.

Dann fängt sie wieder an zu weinen. Ich glaube aber nicht, dass sie etwas gegen meine Mutter hat.

Essen ist fertig. Püree. Was anderes geht nicht.

„Lecker, lecker. Aufessen, aufessen. Wie heute morgen”, krächzt Pflegerin 2.

„Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht.”, schreit sie.

Und weiter in sie rein. Stopf. Stopf. Stopf. Ich denke: Fressen. Brechen. Binge-Fressen. Rein, rein, rein, rein, rein, rein. Raus. Alles raus. Noch mehr raus. Alles muss raus, was soeben noch drin war.

„Gut, dass die Alte bereits gestört ist und nicht mehr so viel kaputt gehen kann.”, sage ich natürlich nicht.

Gleich die Sekunde nach diesem Gedanken schäme ich mich. Gut, dass ich den Gedanken nicht laut ausgesprochen habe. Ob die Alte früher Gewichtsprobleme hatte? Ich weiß es nicht. Ich kann sie nicht mehr fragen. Ich traue mich nicht ihre Tochter zu fragen.

„Das geht ein bisschen freundlicher und sanfter, oder?”, frage ich also und hoffe, dass ich nicht extra erwähnen muss, dass die Frage als rhetorisch einzustufen ist und somit nicht wirklich eine Frage ist.

Die Pflegerin 2 erklärt mir kurz und knapp, dass die Alte sich eine Minute später eh nicht mehr erinnern wird. Ich haue Nummer 2 mit der rechten flachen Hand gegen ihre linke von Akne überdeckten Gesichtshälfte und werde fünf Minuten später von zwei großen Männern recht ruppig des Hauses verwiesen. Zuhause wasche ich mir die Hände. Zweimal.

Poch. Poch. Pochpochpoch.

Ein Herz will immer nur schlagen. Sechs Monate nach meinem letzten Besuch pochte ihr Herz ein letztes Mal.