#WIRSINDLEER

Bin ich ein ignoranter Faschist, weil ich mein Profilbild nicht mit dem #wirsindmehr-Filter überzogen habe? Ich hoffe nicht. Ja, ich wollte nach Chemnitz fahren, musste dann aber so viel arbeiten, dass ich es nicht mehr schaffte und konnte somit kein wirksames Zeichen gegen rechts setzen. Dieses Dreckssystem immer.

Hätten genauso viele Menschen ein Zeichen gegen rechts gesetzt, wenn Die Toten Hosen, Kraftklub, K.I.Z und andere Musiker kein Gratis-Konzert gegeben hätten? Hauptsache, wir werden alle eine bunte Community und kommen zusammen. Der Weg dorthin: ganz egal. Gib den Affen Zucker! Lass sie Party machen, solange sie niemanden umbringen.

Oder anders, in den Worten vom Online-Satire-Magazin Der Postillon ausgedrückt: „Clevere Fans veranstalten Nazi-Demo, damit K.I.Z. und Kraftklub auch in ihrer Stadt ein Gratiskonzert spielen.“

Ich schaute mir einen Teil des Konzertes (Konzert-Stream weiter unten) online an. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube es war Maxim von K.I.Z., der den Zuschauern zu verstehen gab, dass sie sich nicht als bessere Deutsche zu fühlen brauchen, nur weil sie die sind, die gegen die bösen Nazis demonstrieren, indem sie ein Konzert besuchen. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur das mit dem „bessere Deutsche“ geht mir nicht aus dem Kopf. Ich bin Luxemburger, ok. Das Prinzip bleibt das gleiche.

Was der Rapper sagen wollte, ist, dass es natürlich wichtig ist, aufzustehen, irgendwie irgendwo Position zu beziehen, wenn Unrecht geschieht, aber dass wir alle der Staat, das Land, die Gesellschaft sind. Die Gesellschaft, die es zulässt, davon profitiert oder es ignoriert, dass die eine Seite für fünf Euro von Kindern zusammengenähte T-Shirts kaufen kann und die andere Seite, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, im Mittelmeer absäuft. Und nein, Du brauchst Deine Hände nicht in Unschuld zu waschen, weil Du ausschließlich in Second-Hand-Läden unterwegs bist.

Und noch ein paar Fragen:

Was ist die Absicht eines Menschen, der in irgendeiner Frittenbude Pommes kauft, die in einem Plastikbehälter serviert werden, ein Foto davon macht, es in die sozialen Medien lädt und sich darüber beschwert, dass diese Frittenbude ihre Pommes in einem Plastikbehälter serviert? UNFASSBAR, ICH BIN SO WÜTEND. ICH MUSS DIESE POMMES AUS EINER PLASTIKSCHALE ESSEN. DIESE FRITTENBUDE TRÄGT EINE AKTIVE MITSCHULD AN DER VERSCHMUTZUNG DER WELTMEERE! Und was ist mit dem Veganer los, der Haustiere hält, aber Menschen, die Fleisch essen, als Mörder beschimpft? Und was ist mit dem Fleischesser los, der nicht ohne sein tägliches Stück Discount-Fleisch auskommt? Und wer ist dieser Mensch, der seine fünf Hunde über alles liebt, aber Geflüchtete zurück in den Krieg schicken will? Und ist es möglich oder ist das nur ein weiterer zynischer Gedanke, dass, als Metapher gesprochen, den meisten Menschen das Meer scheißegal ist, aber sie Gefallen daran finden, anderen Mitmenschen zu zeigen, dass sie die besseren sind, weil sie die sind, die aus wiederverwendbaren Materialien konsumieren? Ist es möglich, dass die Sucht eines Jeden nach moralischer Überheblichkeit der tatsächliche Grund dafür ist, dass es nie eine bessere Welt geben wird? Ich hoffe nicht, aber ich will sie, die bessere Welt, aber ohne dem Club der Menschen für eine bessere Welt beizutreten. Keine Religion. Keine Mitgliedskarte.

Einfach nur, keine Ahnung, ich weiß es auch nicht. Oder um es in den Worten von Tocotronic auszudrücken: Kapitulation.

Zuerst veröffentlicht im Lëtzebuerger Journal, 11.09.2018