DEIN URTEIL BITTE JETZT

Bitte beurteilen Sie Ihre heutige Fahrt. So steht es auf dem Rücksitz vor mir, hinter dem ich sitze, geschrieben. Ich überlege, wie ich die Fahrt finde. Etwas holperig auf jeden Fall. Habe ich Angst? Nein, ausnahmsweise mal nicht. Fühle ich mich bedroht? Nein, keine Fußballfans in meinem Abteil. Fühle ich mich belästigt? Nein, niemand hat sein Salami-Brot ausgepackt. Nur mein Körper fällt gelegentlich nach links, dann wieder rechts in die Kurve.

Es wird kurz dunkel, da Tunnel und ich kann demnach nicht weiter in meinem Buch lesen, obwohl ich gerade überhaupt kein Buch lese, sondern diesen Text, ja, den Du gerade liest, schreibe. Mein „Manager für einen stets besseren Ruf als professioneller Künstler“ hat mir aber dringlichst wärmstens empfohlen, öfters zu behaupten, dass ich Bücher lese und weniger Fäkalsprache zu benutzen, zumindest in der Öffentlichkeit und in Luxemburg, weil in Luxemburg alles öffentlich und nichts privat ist.

Das ist ein anderes Thema. Nur soviel: Wenn Du nach meinen Rezensionen googlest, wirst Du womöglich über empörte Kritiker stolpern, denen ich als privater Luc Spada meinen privaten Mittelfinger entgegenstreckte, da der öffentliche Luc Spada gerade Urlaub hatte. Der öffentliche Luc Spada würde sowas niemals tun. Gut, dass wir darüber geredet haben.

Unter diesem „Bitte beurteilen Sie Ihre heutige Fahrt“ ist ein QR-Code abgedruckt. Dieser schreit danach, gescannt zu werden, um womöglich ganz automatisch in meinem Handy einen Fragebogen zu starten, der mich über diese Fahrt ausfragt, mit dem Ziel, am Ende der ganzen Fragerei, mir die Beurteilung im allgemeinen zu vereinfachen: Wie sauber ist der Zug? Wie freundlich die Bahn-MitarbeiterInnen? Sind die Snacks frisch oder bereits abgelaufen? War der Kaffee grau oder schwarz? Wollen Sie in Zukunft etwas mehr grün oder etwas weniger grün, wenn Sie aus dem Fenster schauen? Haben die Fahrgäste einen belesenen Eindruck auf Sie gemacht? Jede Frage wäre mit einer Zahl zwischen 1 und 10, ja oder nein oder sonst irgendwas zu beantworten.

Jederzeit wird man aufgefordert, irgendwas zu bewerten oder seine Meinung kundzutun. Das hat den Nachteil, dass ganz viele Menschen glauben, dass sie ExpertInnen auf irgendeinem Gebiet sind. Finden Sie die App hilfreich? Ja. Super, dann sagen Sie es all den anderen Nutzern im App-Store. Also: App-Expertin. Hat Ihnen das Essen geschmeckt? Toll, bewerten Sie uns auf TripAdvisor. Also: Geschmacksexperte. Hat der Popo unter dem zu kalten Klodeckel gelitten? War Letzterer nicht auf Körpertemperatur vorgewärmt worden? Beschwer Dich auf booking.com. Also: Hotel-Experte.

Allerdings stelle ich die steile These auf, dass es nur ganz wenige ExpertInnen auf dieser Welt gibt, ganz egal in welchem Bereich. Nun wollte ich hier noch einen klugen fazitähnlichen Schluß hinschreiben, aber außer miesen Wortspielen rund um Experte (Drecksperte, Sexperte oder Lecksperte) will mir nix einfallen. Aufhören, wenn es am schönsten ist. Tschüss, bis nächste Woche. Dein kleiner Wort-Experte.

Zuerst veröffentlicht im Lëtzebuerger Journal, 18. September 2018