FEDERWEISS

Es war eigentlich ein ganz normaler Tag. Ich bin früh aufgestanden. Ich hatte den ganzen Tag junge Menschen um mich rum, die ich mit meinem Wissen glücklich machen sollte. Danach bin ich laufen gegangen. Das war etwas anstrengender als die Tage zuvor, aber so ist das nun mal. Mal läuft es sich ganz einfach vom Fuß, mal etwas schwerer. Insgesamt kann man aber wirklich sagen, dass es ein, wie anfangs bereits erwähnt, ganz normaler, sogar etwas mehr als okay normaler Tag war. Die super-geilen Tage sind natürlich die besten, aber nicht jeder Tag kann ein super-geiler Tag sein. Das hat es so mit diesen Tagen an sich. Man kann ja nicht alles haben. Okay.

Ich duschte am besagten Tag ein zweites Mal, obwohl so oft duschen nicht besonders gut für die Haut sein soll, doch nach der vorangehenden sportlichen Aktivität mehr als nötig, da die darauffolgende Aktivität eine kulturelle war – und zwar der Besuch eines Theaterstücks in Düdelingen: La Révolte.

Der Höhepunkt des Abends war allerdings nicht das (sehr gute) Theaterstück (sorry Kunst), dafür der Alkohol. Klar denken jetzt die Hater: Spada, der Alkohol, immer das gleiche. Ich erkläre. Ich fragte M., nachdem ich mein Ticket abholte, ob ich ihr auch was zu trinken holen soll, weil ich ein netter Kerl bin, der gerne mal einen ausgibt.

„Ja naja äh mmmh vielleicht ein Glas mmmh ähh… Federweißer!“, meinte sie so.

Ich nickte unbeeindruckt und machte klar, dass ich uns Getränke besorge. Bei letzterem ist in der Regel immer auf mich Verlass. Schon ratterte es, beim Gang von etwa fünf Metern bis zur Bar, in meinem Kopf: Federweißer, krass, Federweißer, sie nimmt einen Federweißen. Also das, was die Alten im Dorf tranken. Im Dorf, wo du aufgewachsen bist, Spada. Soll ich auch so einen trinken? Oh mein Gott. Einen Federweißer und kein Gin Tonic? Darf ich in Zeiten, wo die Grenze zwischen Faschismus und Traditionalismus so dünn verläuft, auf ein solch arg antikes Getränk switchen?

Okay. Ich mache es.

„Zwei Federweiße, bitte.“, versuchte ich selbstbewusst zu bestellen und schaute kurz hinter mich, ob mein PR-Team nichts davon mitbekam.

„Bitte“, die Kellnerin mit verschwörerischem Ton in ihrer Stimme.

Ich wurde immer aufgeregter. Ich musste sofort probieren. Mein erster Federweißer. Ich setzte an, trank und jubelte. Woooooaaaaahhhhhhh! Das ist das geilste Ekel-Zucker-Getränk der Welt. Wie Sahne-Hering-Filet, nur flüssig. Wie Alkopop, nur intellektueller, wenn auch nur ein bisschen. Ich war kurz davor, auch den zweiten Federweißer zu trinken, gab ihn aber großzügigerweise an die Bestellerin weiter und kaufte dafür gleich zwei Flaschen, die ich versuchte, mit in den Zuschauerraum zu schmuggeln, doch die Aufpasser ließen mich nicht mit dem Zaubertrank rein und ich, beflügelt vom geilsten Alkohol der Welt, schlug sie nieder und besoff mich in aller Ruhe mit zwei Flaschen Federweißen auf meinem Sitzplatz und bewunderte das Theaterstück. Was für ein Tag! Happy End!

Zuerst veröffentlicht im Lëtzebuerger Journal, 02.10.2018