AKTION REAKTIONÄR

Oder: Wie ich politisch wurde

Öfters erreichen mich Drohungen, Beleidigungen oder hasserfüllte Kommentare. Das bin ich inzwischen gewohnt. Beleidigt werde ich immer dann, wenn ich mich für Minderheiten einsetze, irgendwas mit Multikulti befürworte oder ein Argument benutze, das derjenige, der gegen mein Argument ist, nicht in seinem Lebenskonzept repräsentiert sehen möchte. Konsequenterweise fühlt sich diese Person gezwungen alle Geflüchteten als Sündenböcke, für seine selbstverantwortete Misere, abzustempeln und fühlt sich von denen da oben und den links violett pink grün versifften Gutmenschen so richtig über den farbigen Tisch gezogen.

Mein erster größerer Shitstorm war 2014 und erfolgte nachdem das Kulturzentrum Cape und die Stadt Ettelbrück, aus dem Norden Luxemburgs, mich damit beauftragten, im Rahmen von 150 Jahre Ons Heemecht (luxemburgische Nationalhymne), die Nationalhymne mit jungen Leuten im Alter zwischen 12 und 18 neu zu schreiben. Natürlich nicht für immer und als zukünftige e n d g ü l t i g e Nationalhymne, sondern im Rahmen eines Workshops mit dem Ziel diesen Text bei einer Gala-Veranstaltung, passend zum feierlichen Anlass, und auch in Anwesenheit des Großherzogs, vorzuführen.

Im Vorfeld, in einem diesbezüglichen Interview, behauptete ich, dass ich noch nicht genau wüsste, ob die, I N  A N F Ü H R U N G S Z E I C H E N neue Nationalhymne, stellenweise nicht sogar auf portugiesisch, deutsch, italienisch oder/und französisch und nicht ausschließlich nur auf luxemburgisch, sein würde, könnte, vielleicht sogar müsste. Schließlich kannte ich zu dem Zeitpunkt meine Workshop-SchülerInnen noch nicht, aber ich war noch nie Leiter in einem Workshop in Luxemburg (und auch nicht in Deutschland) mit ausschließlich jungen Menschen ganz ohne Migrationshintergrund. Glücklicherweise. Es lebe die Vielfalt. Besonders in einem Mini-Land wie Luxemburg. Warum dieses Glück nicht mit in den Text einbeziehen? Falsch gedacht.

Und nicht nur mein(e) Interviews, sondern alleine die Veröffentlichung des harmlosen Beschreibungstextes, im Bezug auf den anstehenden Workshop, ließen ein paar übereifrige Patrioten aus ihrer weißen Haut fahren.

Plötzlich wehte ein ekelhaft dunkelbraun von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gefärbter Wind durchs luxemburgische Land und dessen verbal und schriftlich veräußerlichter Bullshit landete als E-Mail in meiner Mailbox, als wütender Kommentar in den diversen sozialen Medien oder/und Leserbrief in einer Zeitung. Selbst der Bürgermeister und das Gemeindehaus der besagten Stadt mussten empörte Bürger am Telefon und in ihren Räumlichkeiten beruhigen.

Es wird alles gut duzi duzi. Oder? Ich war zu der Zeit in Berlin und verfolgte das ganze Spektakel ausschließlich online und über Telefon.

Nein, sie ließen sich nicht beruhigen. Allerdings wurden die Verfechter der luxemburgischen Nationalhymne irgendwann müde oder regten sich erneut wieder über geflüchtete Menschen auf. Sie waren RentnerInnen, LehrerInnen, VerkäuferInnen, PolitikerInnen. Echte LuxemburgerInnen.

Tatsächlich aber auch LuxemburgerInnen mit Migrationshintergrund. Menschen (und deren Vorfahren), die in Hoffnung auf ein besseres Leben, nach Luxemburg kamen, um sich ein Leben, unter besseren Bedingungen, aufzubauen. Menschen mit portugiesischem oder italienischem Migrationshintergrund, die luxemburgischer als der „luxemburgischste Luxemburger” wurden, instrumentalisierten den kleinen Nationalhymnen-Skandal und die Sprache, um ihre Wut (Angst?) darüber kund zu tun, dass nun andere Ausländer kommen würden, um uns zuerst da gewesenen Ausländern alles weg zu nehmen. Angefangen bei der Nationalhymne. Das nachdem sie selbst und ihre Familien, über Jahrzehnte hinweg, für ihren Stand in der luxemburgischen Gesellschaft gekämpft haben. Wer endlich hat, hat Angst zu verlieren. Wer nichts hat, will mehr. Wer ist jetzt der bessere Ausländer und wer darf endlich LuxemburgerIn sein, werden oder bleiben?

Was bleibt, wenn nichts außer Wut bleibt? Ist man dann einfach immer nur wütend? Gute Frage, europäische Frage. Eine parlamentarische Anfrage, betreffend des Workshop-Skandals, an den Kulturminister, wurde ebenfalls aus der rechts-außen Ecke gestellt.

Um genau zu sein, stellte der Abgeordnete Fernand K. sieben Fragen an die damalige Kulturministerin Maggy N., die hier auf den beiden Dokumenten auf luxemburgisch abgedruckt und gleich drunter von mir ins deutsche übersetzt sind.

PARLAMENTARISCHE FRAGE / PDF

  1. Vertritt die Regierung die Auffassung, dass Luxemburg eine neue Nationalhymne braucht?
  2. Welche gesetzlichen Dispositionen gibt es, um die Nationalhymne zu schützen?
  3. Kann die Regierung bestätigen, dass der Großherzog präsent sein wird, wenn das Produkt am 20. September aufgeführt wird?
  4. Vertritt die Regierung nicht auch die Meinung, dass die Präsenz des Großherzoges das Produkt nur noch aufwerten wird? Welches Ministerium übernimmt die Verantwortung für die eventuelle Präsenz unseres Staatschefs für diese Gelegenheit?
  5. Unterstützt die Regierung finanziell oder auf eine andere Art und Weise diesen Workshop für eine neue Nationalhymne?
  6. Wieviel finanzielle Unterstützung erhält das Cape und das Nord-Konservatorium dieses Jahr vom Staat, auf Grund von welchen legalen Dispositionen und für welche Zwecke genau?
  7. Wird der Künstler, welcher diesen Workshop leitet, auf irgendeine Art und Weise von staatlicher Seite aus finanziert oder bezahlt?

Schon an den Fragen kann man eventuell erkennen, dass ein gewisser Wille bestand, diese ganze Veranstaltung so darzustellen, als würde sie Luxemburg irgendwie schaden wollen. Eine Antwort gab es auch und die erklärt nur nüchtern, dass es wichtig ist, den Workshop in seinem Kontext zu verstehen und dass die Regierung auch keinerlei Bedenken hat, falls der Großherzog die Veranstaltung besuchen würde.

ANTWORT KULTURMINISTERIN / PDF

Fazit: Alles mögliche wurde aus dem Kontext gerissen und der Beschreibungstext des Workshops (Nein, wir wollten nie die luxemburgische durch eine portugiesische Nationalhymne ersetzen) nicht ordentlich gelesen. Und überhaupt: Ein Workshop, Leute! Ein Workshop! Nicht der Bau einer Atombombe oder die Abschaffung des Grundgesetzes.

All you need is Wut badabadaba.

Vier Jahre danach. Ein weiterer wütender Mensch, der unter stolzen Luxemburgern (Anführungszeichen!) sehr bekannt ist, hat mir via E-Mail mit einer Klage (allgemeine Beleidung) gedroht, ja, behauptet, er hätte die Klage bereits eingereicht. Das war vor zehn Tagen, kurz nachdem mein Beitrag LËTZEBUERGESCH IST TOT in den sozialen Medien steil ging und gut 20.000 Mal geklickt wurde. Davor erschien der Artikel bereits in gedruckter Form im Feierkrop. Thema war einmal mehr die Sprache und wie sie von Rassisten instrumentalisiert wurde und wird.

Mit der Veröffentlichung, wenn auch anonymisiert, seiner E-Mail an mich, wollte ich erst die Nationalwahlen in Luxemburg verstreichen lassen, damit die Rechten sich schlimmstenfalls nicht an mir hochschaukeln und abarbeiten könnten, um eventuell noch ein paar Stimmen für sich zu gewinnen: Ah, ich mag Spada nicht und verstehe diesen so oft in den sozialen Medien geteilten Artikel nicht. Satire? Hä? Eine Frechheit ist das. Ich wähle rechts aus Protest. So!

Was zum Teufel soll eine Klage wegen allgemeiner Beleidigung sein? Kurz erklärt: Existiert nicht. Wer ist denn bitte allgemein? Und welche Beleidigung? Das Rechtssystem versteht Allgemeine Beleidigung nicht. Warum also schreibt mir jemand, dass er mich anklagt? Damit ich ihn dann wirklich beleidige und er mich anschließend tatsächlich anklagen kann? Ich weiß es auch nicht.

Der Mensch schrieb am 7. Oktober 2018 auf luxemburgisch (Deutsche Übersetzung gleich drunter):

Gudden Moien

Och wann ech elo Gefor lafen weider vum Här Luc Spada vernannt ze ginn an och beleidegt ginn well ech mech fir d’Lëtzebuerger Sprooch asetzen muss ech Iech matdeelen dass ech Plainte gemaacht hunn wéinst allgemenger Beleidegung, och wann dir dat als Satire bezeechent.

Clownmech Un (Numm vun der Redaktioun, ech, geännert)
Petitionaire (hei steet nach wéi eng Petitioun, mee ech well keng Reklamm fir hien maachen)

Guten Morgen

Auch wenn ich jetzt riskiere weiterhin von Herrn Luc Spada beschimpft und auch beleidigt zu werden, weil ich mich für die luxemburgische Sprache einsetze, muss ich Ihnen mitteilen, dass ich eine Klage wegen allgemeiner Beleidigung eingereicht habe, auch wenn Sie das als Satire bezeichnen.

Clownmich An (Namen von der Redaktion, ich, geändert)
Petitionär (hier steht noch welche Petition, aber ich will keine Werbung für ihn machen)

Wie fühlt sich ein Mensch, nach möglicherweise vielen Lebensjahren, die er bereits auf dieser wunderschönen Welt leben durfte, wenn er beim abschicken dieser E-Mail ganz genau weiß, dass er mich anlügt. Und warum werde ich erst in der dritten Person und dann direkt angesprochen? Und ging er tatsächlich zur Polizei und wo bitte geht man überhaupt hin, wenn man jemanden wegen allgemeiner Beleidigung anzeigen will? Hasst man danach das System noch mehr, weil die bösen PolizistInnen möglicherweise mit den Schultern zuckten und einfach nicht wussten, wie sie diesem Mann helfen könnten. Und schon sah der von mir nie beleidigte und beschimpfte Mann sich in seiner Annahme, dass das ganz System korrupt und unehrlich und überhaupt eine Verschwörung sei, bestätigt. Freund. Helfer. Pah! All you need is Wut… badabadaba.

Ich schrieb 9 Tage nach dem Erhalt der E-Mail und 3 Tage nach den Nationalwahlen in Luxemburg, für die der wütende Ankläger ebenfalls kandidierte und nicht gewählt wurde, am 16. Oktober 2018, zurück. (Deutsche Übersetzung gleich drunter):

Gudden Owend

Lo hat ech des E-Mail bal iwwersinn.

Ech géif iech nimools beleidegen an wënschen iech wierklech alles Guddes och weiderhin, beim Ënnerstëtzen vun der Lëtzebuerger Sprooch.

Ech war nach d’Lescht am Kapuzinertheater dat neit Theaterstéck vum Guy Rewenig kucken. Dat hutt dir iech sécherlech och net entgoen gelooss als groussen Frënd vun eiser Sprooch. An dem Theaterstéck geet et, bëssi einfach ausgedréckt, dorëms, dass een iergendwann net méi weess, ob een sech an engem Kurhaus oder an engem Geckenhaus (wéi een sou schéin op lëtzebuergesch seet) befënnt. Dat hat mir wierklech gutt gefall.

Ah, an nach eppes: Et heescht jo awer Petitionär op lëtzebuergesch, oder? An net Petitionaire, wéi et ënnert ärem Numm an der leschter E-Mail steet. Wann dir et op franséischt wollt schreiwen, gëtt et sou geschriwwen: pétitionnaire. Mee ech kann mech och iren. Matt deenen villen Sproochen ass dat jo och net ëmmer sou einfach.

Bestëmmt klappt et an fënnef Joer fir an d’Chamber gewielt ze ginn.

Alles Léiwes, Luc Spada

Guten Abend

Jetzt hatte ich diese E-Mail fast übersehen.

Ich würde Sie nie beleidigen und wünsche Ihnen wirklich alles Gute auch weiterhin, beiim Unterstützen der luxemburgischen Sprache.

Noch neulich habe ich mir im Kapuzinertheater das neue Theaterstück von Guy Rewenig angeschaut. Das haben Sie sich sicherlich auch nicht entgehen lassen, als großer Freund unserer Sprache. In diesem Theaterstück geht es, einfach ausgedrückt, darum, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob man sich in einem Kurhaus oder Geckenhaus (typisch luxemburgisches Wort für Psychiatrie, salopp als Irrenhaus zu bezeichnen) befindet. Das Stück hat mir wirklich gut gefallen.

Ah, und noch was: Es heißt doch Petitionär auf luxemburgisch, oder? Und nicht Petitionaire, wie es unter Ihrem Namen in der letzten E-Mail stand. Wenn Sie es auf französisch schreiben wollten, würde es so geschrieben werden: pétitionnaire. Ich kann mich auch irren. Bei so vielen Sprachen ist das auch nicht immer so einfach.

Bestimmt schaffen Sie es dann in fünf Jahren ins Abgeordnetenhaus.

Alles Liebe, Luc Spada

Alles Liebe. Es ist wirklich das, was ich all diesen wütenden Menschen wünsche: Liebe. Freude. Eine oder mehrere Umarmungen am Tag. Gesundheit. Schöne Stunden in guter Gesellschaft. Frieden und genug Energie, um nicht aufzugeben beim Versuch ein Stück weit und weiter und weiterhin ihren Horizont zu erweitern und ihr Herz zu öffnen. Insbesondere in und für Situationen, Gegebenheiten und Umstände, die neu und auf den ersten Eindruck hin noch etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen. Ihr schafft das. Und bitte: Hört auf die Sprache zu instrumentalisieren. Sie kann nichts für eure Angst, eure Wut, euren Hass.

Liebe für euch alle. Luc