MISS KOCKELSCHEUER

Sportjournalisten, womöglich männlicher Natur, wie hoffnungslos zu hoffen bleibt, kürten die schönste Sportlerin. Die schönste Tennisspielerin, um genau zu sein. Eigentlich ist es aber egal. Es ist egal, welche Sportart gemeint ist. Es ist egal, in welchem Land das Turnier stattgefunden hat. Es ist egal, wie viele Journalisten es waren, die sich in der Pflicht sahen, Sportlerinnen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, und aus dem Tennisturnier gleichzeitig, alle Jahre wieder, eine Miss-Wahl zu veranstalten. Oder sind die Damen selbst schuld, weil sie ihre sportlichen Profikarrieren in so kurzen Röckchen ausüben? Höhö. Schenkelklopfer, weil Mann: Die Freiheit nehm ich mir. Eine solche Miss-Wahl fand auch schon die letzten Jahre über statt.

Ohne Titel

Ich klickte auf den geteilten Post (Überschrift: Turniersiegerin Julia Görges wird auch Miss Kockelscheuer) der Tageszeitung „Tageblatt“ und stolperte gleich über die ersten Zeilen des am 22. Oktober 2018 verfassten Artikels:

„Es war eine kleine Überraschung, dass Mandy Minella den Titel der schönsten Spielerin des Turniers nicht gewinnen konnte und mit 22% der Stimmen nur auf Platz 3 landete. Viermal konnte sich die Luxemburgerin in den letzten Jahren die Krone aufsetzen. Schönheitskönigin der BGL BNP Paribas Luxembourg Open 2018 wurde eine Spielerin, die sowohl mit ihrem erfolgreichen Spiel als auch mit ihrem Aussehen den 23 stimmberechtigten Pressevertretern gefallen konnte.“

Inzwischen kann die Internetseite nicht mehr gefunden werden. Das kann verschiedene Gründe haben, wie auf der Webseite mit der Fehlernachricht behauptet wird. Zum Beispiel Tippfehler oder ältere Links. Von älteren Männern ist keine Rede. Zwinkersmiley.

22

Wtf?, wie es so schön im Internet-Kürzel-Himmel heißt. Diese ersten Zeilen aus besagtem Artikel muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen.

Eine kleine Überraschung? Hä? Was soll das heißen? Hat jemand eurer S t i m m b e r e c h t i g t e n  keinen Bock mehr auf Blondinen oder wie? Und ist man erst dann eine gute Tennisspielerin, wenn man sowohl mit erfolgreichem Spiel als auch mit dem Aussehen 23 wunderschöne, hochgebildete, gut trainierte stimmberechtigte Pressevertreter überzeugen kann? Was nur geht in euch vor? Oder anders: Was bitte geht in euch nicht vor?

Ihr seid doch Sportjournalisten und bestenfalls keine sabbernden Schwerenöter, die eine Erotikmesse in der Messehalle Trier besuchen.

Bevor es wieder losgeht, erkläre ich erstmal, um was es nicht geht. Mann, hör zu. Es geht nicht darum, dass du keine Komplimente mehr machen darfst. Es geht nicht darum, dass Männer aber wirklich den Kasten Bier schneller die Treppen hochtragen können als Frauen. Es geht jetzt einfach auch nicht um irgendeine Gleichberechtigungsdiskussion. Es geht nicht um Feminismus. Es geht nicht um Sexismus. Es geht nicht um dein scheiß Ego. Es geht nicht darum, dass du nicht mehr weißt, was du noch sagen darfst und was nicht. Es geht nicht darum, ob du einer Frau nicht einmal mehr sagen darfst, dass sie heute hübsch ist.

Es geht um Respekt und einen Minimum an Anstand. Es geht darum, dass beispielsweise eine meiner besten Freundinnen jeden Tag, wenn sie zur Arbeit geht, an einem Pförtner vorbeigeht, welcher ihr sagt, dass sie heute aber sehr schön angezogen ist, dass sie heute aber ganz besonders schön angezogen ist und dass sie heute aber – huiuiuiui – ganz besonders hübsch angezogen ist. Und das jeden Tag. Sie sagt, dass er nervt. Er sagt, dass sie sich nicht so haben soll.

Was hat das jetzt mit Tennis zu tun? Mit Sport? Mit Kompetenz? Mit gutem Journalismus? Richtig! Nichts.

Zuerst veröffentlicht am 30. Oktober 2018, Lëtzebuerger Journal