AUSHALTEN

2019 sollen es bis zum 1. Februar 208 gewesen sein. 3,52542373 pro Tag also. Eine andere Statistik hält fest, dass es täglich sechs sind. Solche, die beim Versuch eine Chance auf ein besseres Leben zu bekommen, im Mittelmeer ertrinken und ihr Leben verlieren. Flüchtlinge. Geflüchtete. Korrekte, weniger korrekte Ausdrücke für, man glaubt es manchmal gar nicht, wenn man den Debatten, Kommentaren in sozialen Medien, im Fernsehen oder Gesprächsrunden im allgemeinen öffentlichen Raum folgt, MENSCHEN. 

Tatsächlich sind das Menschen. Wie der Verfasser dieses Beitrages. Wie die Leserin, der Leser dieses Beitrages. Es sind Menschen mit alldem, was diese nunmal ausmachen: Körper, Charakter, Überzeugungen, Ideen, Visionen, Schulden, Glauben.

Alexander Gauland meinte vor zwei Jahren, dass wir uns nicht von DIESEN Bildern, nicht von Kinderaugen erpressen lassen sollen. Diese traurigen Kinderaugen, die wir auf den zahlreichen Fotos in den Medien sehen. Kinderaugen, die gerade miterleben mussten, wie sie von ihren Eltern getrennt wurden. Kinderaugen, die bedingt durch den Krieg, vor dem sie flüchten, alle ihre Freunde zurücklassen mussten. Kinderaugen, die Hunger haben. Kinderaugen, die Durst haben. Kinderaugen, die miterleben mussten, wie eine Landmine ihnen den Arm ab- und ihrer Schwester das Leben rausriss. Er plädierte dafür, dass grausame Bilder ausgehalten werden müssen. 

Toter Mensch, ein Kind, am Meer. 2. September 2015. Vom Meer an den Strand gespült. Wie Plastik-Überreste. Ein Mensch. Ein Kind. Name: Alan Kurdi. Das war an der türkischen Küste von Bodrum. Nicht weit entfernt vom leblosen Körper des Kindes zwei weitere leblose Körper: der seiner Mutter, der seines Bruders.

Man denke kurz an diese Bilder, die ausgehalten werden sollen.

G. nahm nicht auf letztes Bild Bezug. Man sah ja nicht mal seine Augen. Dieses Bild, mit diesem Menschen, das um die ganze Welt ging, war vor der unerträglichen Aussage Gaulands.

G. sagte auch, dass man sich nicht einfach überrollen lassen kann. Dass man einen Wasserrohrbruch auch abdichten würde. Wasserrohrbruch. Den Vergleich nochmal vor Augen führen: Wasserrohrbruch und Menschen, wie Familie Kurdi, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien übers Wasser flüchteten und immer noch flüchten. Wasser als ständige Bedrohung. Abdichten.

Abdichten, aushalten oder noch besser: eine Verschwörungstheorie drumrum stricken. Fakten leugnen. Sich nicht weichspülen lassen.

Andere, auch Menschen, wollen nichts mit der ganzen Misere zu tun haben. Keine Nachrichten schauen. Keine Bilder sehen. Einfach ignorieren, weil es zu schlimm ist. Es ist tatsächlich schlimm.

Man muss sich nur einen Moment Zeit nehmen. Hinsetzen. Und verstehen, was das bedeutet. In Frieden, im völlig überzogenen Wohlstand zu leben. Wir schmeißen tonnenweise Essen in den Müll und den Müll zu den Menschen, die wir wie Müll behandeln, ins Meer und verpesten mit den fetten Autos, die wir fahren, die Luft. Zudem drohen SeenotretterInnen, wie zum Beispiel Kapitänin Pia Klemp oder Kapitän Claus-Peter Reisch, ernsthafte gerichtliche Konsequenzen. Sie haben Menschen das Leben gerettet. Oder auch: Beihilfe zu illegaler Einwanderung geleistet.

Wir verpesten weiter die Luft und unsere Herzen. Bis wir ersticken. Und irgendwann geht woanders die Sonne auf. Ohne uns. Hätten wir nur, aber wir konnten ja nichts tun. Das muss man halt aushalten.

Zuerst veröffentlicht am 12. Februar 2019 im Lëtzebuerger Journal