M. geht endlich mal wieder ins Kino. Und zwar ganz bestimmt nicht am Kinotag, nur weil am Kinotag die Eintrittskarten günstiger sind. Kinotag ist in seinem Viertel immer am Dienstag. Kinotage sind für Schnäppchen-JägerInnen und Wir-durchsuchen-jedes-Prospekt-jedes-einzelnen-Supermarktes-nach-ihren-aktuellen-Angeboten-Menschen. So einer ist M. nicht.

Heute ist Samstag. Teuerster Tag, um ins Kino zu gehen. So gehört es sich. Er geht in den Palast am Zoologischen Garten. Kinopalast oder so, heißt das gar nicht mal so palastähnliche Ding. 

Nicht weit entfernt von da hat sich Christiane F. zusammen mit ihren Kumpelinnen und Kumpeln so einiges in die Venen geschossen. Die Verfilmung von ihrem Leben könnte man sich rein theoretisch hier auf der großen Leinwand anschauen, schön mit Popcorn und Bier, doch ist die letzte Verfilmung von ihrem Leben bald 40 Jahre her. M. schaut sich heute also keine Christiane an.

Für heute darf es die Geschichte von Cleo sein. Ein junges Dienstmädchen aus dem Film ROMA in Roma, ein mexikanischer Stadtteil. Der Film spielt zur Zeit des schmutzigen Krieges. Der Streifen wurde von Netflix produziert und hat so einiges an Preisen abgeräumt, selbst ein paar Oscars. Der soll richtig gut sein, obwohl er in schwarz-weiß für einen Streaming-Anbieter gedreht wurde. Wer traut sich denn sowas? Das Kino leider nicht.

M.s Freunde konnten nicht verstehen, warum er sich den Film in so einem schweineteuren Kino angucken will. Er gibt doch bereits fast 10 Euro monatlich für Netflix aus. ROMA ist also ebenfalls im monatlichen Preis inbegriffen.

Das sah M. ganz anders. Für ihn war es einfach mal wieder Zeit für eine Entscheidung, für ein Risiko. Auswählen, zahlen, sich auf den Weg machen. Und spätestens die Filme, die einen oder gleich mehrere Oscars gewonnen haben, müssen im Kino gesehen werden. Das ist man dem eigenen guten Geschmack schon schuldig.

Überhaupt ist Sitzen und Durchhalten, auch wenn der Film oder eine andere Darbietung einem mal nicht so gefällt, eine längst vergessene Tugend. Das muss man sich zurück erkämpfen, die Konsequenzen einer Entscheidung ertragen zu müssen. Dafür muss man aber erstmal wieder entscheiden lernen. Das mussten so einige der ProtagonistInnen im Film ROMA auch. 

Der Film war eine hervorragende Entscheidung, wusste es M. gleich nach der Séance besser. Mut lohnt sich, Entscheidungen sowieso. 

Es bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft wieder mehr mutige Kinofilme geben wird, die dann irgendwann später auf Netflix gezeigt werden und nicht umgekehrt. Vielleicht gehen diese Leute dann auch wieder mehr ins Kino.

Zuerst veröffentlicht am 5. März 2019 im Lëtzebuerger Journal