SO NORMAL

Nach all den Jahren, den vielen Filmen, die Du gedreht hast und Stars, die Du kennengelernt hast, bist Du immer noch ganz schön auf dem Boden geblieben.

Obwohl Du nun ein großer Star, als Schauspielerin groß rausgekommen bist, kannst Du Dir nicht vorstellen, dass Du es verdient hast. Das Große. Das STARding. Ist ja auch nichts für Dich. Für Dich? Nein! Du selbst, das sagst Du gerne in Interviews, bist supernormal und hast nie etwas dafür getan. Für das Starding. Dir fliegt einfach alles nur so zu. „Das muss man zulassen, dass es fliegt, auf einen zu“, hat Dein Yoga-Lehrer immer gepredigt. Du hast es ihm gerne geglaubt. Und siehe da, einfach so ist es auf Dich zugeflogen, ganz normal.

Du hältst nichts von all diesen Partys, auf die Du immer gehst, eingelullt im High-End-Fummel mit High-End-Maske. Die Menschen dort sind Dir viel zu oberflächlich. Auch bemüht sind sie. Immer darum bemüht, Eindruck zu hinterlassen. Ein Eindruck, der bleibt. Du gehst trotzdem hin. Nicht, weil Du willst, Du willst nur nett sein. Mehr ist es nicht, ist auch gar nicht wichtig.

ABER sagst Du. Nach ABER machst Du immer eine kleine Pause und deutest an, dass jetzt aber wirklich ein wichtiger Satz, ein ganz normaler Satz kommt. Du wackelst komisch mit dem Kopf, spielst die niedliche Verwirrte, lässt ein paar „ähms“ und „ähs“ verlauten und erzählst dann, wie wichtig die anderen Berufe sind. Die wichtigen Berufe wie Feuerwehrfrau oder Onkologe. Du sagst, dass es DIE DOCH sind, die wahren Heldinnen und Helden und nicht so eine blöde Schauspielerin, wie Du es bist. Dann lachst Du, ein breites Lachen, strahlend weiße Zähne, so weiß, wie sie niemals sein könnten, würde Dir immer alles nur zufliegen. Die Allerjüngste bist Du ja auch nicht mehr.

Du sagst, dass Schauspielerinnen und Schauspieler auch nur mit Wasser kochen. Da freut sich der Lokalreporter natürlich. Auch die Leserinnen und Leser, Deine ehemaligen NachbarInnen, freuen sich. Du sagst quasi, dass Du genau wie die bist. Du sagst, dass Du immer noch genau die bist, die Du warst, als Du noch zur Grundschule gegangen bist. Als Du noch ein Kind warst. 

Das findest Du sehr wichtig, Kind sein, Kind bleiben, wie dieses Zitat von Kästner, wenn es denn überhaupt eines von Kästner ist. Das hast Du irgendwo im Internet gelesen. Komischerweise nicht in Büchern, obwohl Du Bücher doch so gerne magst. Bücher sind wichtig. „Viel wichtiger als Film und Schauspielerinnen sowieso“, zeigst Du Deine Zähne nochmal. 

Und Internet? Das lenkt Dich zu sehr ab. Vertrauenswürdig ist es ja auch nicht wirklich. Als SchauspielerIn muss man unter die Leute, das Leben der anderen aufsaugen, das machst Du sehr gerne. „Ich habe das Glück jeden Tag aufs Neue, viele interessante Menschen kennenzulernen“, sagst Du. Viel interessanter als Du selbst, sagst Du auch. Zähne wieder. Dann klingelt Dein Handy, Du musst jetzt wirklich los, zur nächsten Party, eigentlich willst Du nicht hin, ABER die Agentin will das so, sehr oberflächlich alles.… Eigentlich könntest Du Dir ja sehr gut vorstellen, bald aufzuhören. Sehr gut sogar, aber noch nicht. Einfach, weil Du nett bist, nicht weil Du diesen Erfolg liebst oder noch ein bisschen höher hinaus willst. Erfolg, pfff, ist Dir ganz egal. Du bist ganz normal. 

Zuerst veröffentlicht am 13. März 2019 im Lëtzebuerger Journal