Ich weiß, dass ich das jetzt wirklich nicht tun sollte. Jetzt so, in diesem Zustand: Schreiben. Ich sitze in einer Bar in Luxemburg und habe bestimmt schon das fünfte Bier getrunken. Und Mitternacht ist noch lange nicht. Ich nehme meinen Laptop aus der Tasche heraus. Ja, ich habe meinen Laptop oft dabei. Nicht immer, aber heute dachte ich, also heute Morgen, dass es später am Tag, am Abend, einen Moment geben könnte, wo ich auf dieses Gerät angewiesen sein werde. Der Moment ist jetzt, ist er ja immer. Schreiben muss ich immer, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr jahrelang. Für immer. Ich erlebe so viel, dass ich noch sehr viel schreiben werde, ja muss. Ist das jetzt schon kokett, überspitzt, arrogant, zu nah, zu persönlich? Ist mir auch egal, ob ihr euch dafür interessiert oder auch nicht. Da müsst ihr durch. Ich muss ja auch durch. Wir müssen ja alle durch. Für immer ist ja gar nichts.

Mit mir an diesem Tresen sitzen zwei Männer, ja, nur Männer sitzen an diesem Tresen, ich weiß, ich bin auch für eine Quote. Einer der beiden Männer stinkt wahnsinnig. Nach Verwesung, nach faulen Eiern, nach abgestandenem Alkohol. Er nervt. Er ist so einer, der nervt, ihr wisst schon. Er redet über eine Kopie aus Luxemburg, dann Niederlanden, Homo-Ehe, dann die Juden irgendwas, 1890, dann höre ich 15. Dezember, ich höre Adolf, ich höre Nassau. Ich höre Bettel. Ich höre Juncker. Der Zusammenhang ist ja klar. Ist ja wirklich klar. Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden. Ich denke „fickt euch“. Nein, fickt euch wirklich. Ich denke aber auch, dass ich eigentlich nichts gegen sie habe. Jetzt denkt ihr, ah, Spada und sein ficken. Nein, fickt euch wirklich.

Die Frau hinter dem Tresen guckt auf ihr Handy, guckt mich an, ich frage, ob alles gut ist? Sie fragt, ob ich was trinken will? Ich frage mich, ob ich genug getrunken habe. Ich frage mich, ob sie glaubt, dass ich flirten will. Ich will nicht mit ihr flirten. Ich sage, dass ich noch was trinken will, nicht jetzt, aber später. Ganz sicher später. Ich denke, dass ich jetzt nicht weiterschreiben sollte.

Dann denke ich, dass für immer ja gar nichts ist. Das habe ich heute schon einmal gedacht. Ich denke, dass ich nicht immer jung sein werde. Das denke ich oft. Ich denke, dass ich am heutigen Tag so viel erlebt habe. Ich würde euch das so gerne mitteilen, aber ich kann nicht. Es gibt zu viele Arschlöcher auf dieser Welt, in diesem Land, die aus meiner Nacktheit ihre neuen Kleider stricken wollen. Ihr erbärmlichen Wichser.

Ich denke, also schreibe ich. Wie war das? The heat is on, the heat is on, the heat is on, Oh-wo-ho, oh-wo-ho, klingt es aus den Lautsprechern über mir. Ich habe heute Scheiße weggewischt. Die Scheiße war mir egal, aber das Leben, das Leben, bitte, das Leben ist so wichtig. Leben ist so schön. Scheiße.