Du warst doch einmal, lange ist es her, die Coole. Die freche Abiturientin, in die alle Jungs verliebt waren, aber Jungs waren dir zu blöd. Du knutschtest lieber mit den Mädchen rum. 

2010 hast du den ganz großen Eurovision Songcontest gewonnen. Ich selbst war 24, ich sah gut aus und studierte in München. Du hast danach nicht mehr zurück gerufen.

Love, oh love, I gotta tell you how I feel about you.

Lena – Satellite

So ausgesprochen, wie es dir die Englischlehrerin beibrachte. Ich war wahnsinnig begeistert. Ich war so verliebt. Frauen wie du. Zugänglicher als Avril Lavigne und bodenständiger als Miley Cyrus.

2019. Du bist wohl erfolgreicher als je zuvor. Ich bin, naja, ich bin halt immer noch… da. 2019. Dein Jahr. Es ist viel passiert in den letzten Jahren, wie man es auf Instagram verfolgen konnte. Mal hast du einen Bikini an und postest es auf Instagram. Dann hast du deinen Bikini wieder aus und postest es auf Instagram. Nicht zu vergessen sind auch deine unverwechselbaren saugut bezahlten Partnerschaften mit großen Kosmetikunternehmen:

Ey Leute, dieser Lippenstift ist so krass rot, seht ihr? Wie krass rot der ist? Ihr müsst den unbedingt kaufen. Mega rot.

Dann hast du dich von deinem Freund getrennt. Es war, als hättest du dich von mir getrennt. Oder war es, als hätte ich mich von dir getrennt? Ich weiß es nicht. Ich habe viel gelitten. Ich kann sehr gut leiden. Ich habe für dich mitgelitten. Ich habe selbst noch dann gelitten, als du schon wieder, einen Monat später, auf einer Schaukel über dem Meer, deinen Allerwertesten präsentiertest.

Trennungen können so hart sein, ich weiß, ich weiß… Trotz all dieser Hürden hast du es geschafft. Dein neues Album ist draußen. Du hattest vor lauter Schmink-Tutorials fast vergessen, dass du eigentlich Musik machst. Und ich vor lauter Geldsorgen, dass ich meinen Roman beenden muss. Wir und unsere Prioritäten haben uns und sich auseinander gelebt.

Only Love, L., heißt deine neue Platte. Nur Liebe also, weil du findest, dass Liebe wichtig ist. Ohne Liebe geht es nicht und nie. Leute, ey, versteht ihr Leute? Liebe ist voll wichtig. Krieg ist doof. Böse Menschen sind doof. Präsidenten sind doof. Liebe aber, Liebe ist voll wichtig. Und wer wirklich liebt, lügt nicht.

Don’t lie to me heißt deine erste Single-Auskopplung. Der dazu gehörige Musikclip wurde, zum ersten Mal in der (Musikvideo)Geschichte, komplett in Hochkant gedreht. Ist einfacher für die Teens, hast du dir gedacht. Bedingt durch deren apathisches Halten ihrer Endgeräte leiden die nämlich zunehmend unter motorischen Störungen. So brauchen sie immerhin das Handy nicht auch noch umdrehen, wenn sie dein neues Werk gleichzeitig anschauen und anhören wollen.

Don’t lie to me singst du fröhlich in die Kamera, aber du bist es, die lügt. Du lügst 2,7 Millionen Menschen und mich schamlos an. Das ist doch kein persönliches Lied und seit wann lacht man direkt in die hochkantige Kameralinse, wenn man sein Gegenüber bittet, nicht angelogen zu werden? Was haben die Protein-Shakes und Yoga-Übungen nur aus dir gemacht? Persönliches Lied, ich glaube dir kein Wort. Persönlich wolltest du mit mir sprechen. Hast du das je getan? Eben. Persönlich, dass ich nicht lache.

Hast du denn je mehr als einen schlecht gemischten Cocktail in deinem Leben erlebt?, frage ich dich.

Du sagst, dass es dein ehrlichstes Album überhaupt ist. Dass es so voll Einsicht in deine Innenwelt gibt. So voll krass ist das. So voll überwältigend ist das. Wie oberflächlich kann eine Innenwelt denn bitte präsentiert werden? Ich erkenne nur Einsichten ins Décolleté und in die neuen Kollektionen angesagter Marken-Unterwäsche. Oh love, lass die dummen Sprüche, das habe ich dir schon damals gesagt, bevor du dann nicht mehr zurück gerufen hast. Mach doch einfach mal wieder Musik. Du musst dabei auch nicht ständig deinen Po in die Kamera halten. Er sieht super aus, zweifelsfrei, am Ende ist es aber auch nur ein Po. Ärsche gibt es mindestens so viele wie bezahlte Partnerschaften auf Instagram, vielleicht auch genau so viele. Überhaupt siehst du super aus, ja, du siehst großartig aus, das kann dir keiner mehr wegnehmen, aber jetzt mach endlich das, was du eigentlich immer ganz gut konntest: Pop.

Und hör endlich auf mit diesem Gelaber, wie wichtig es dir ist, ehrlich zu sein. Und wie ehrlich dieses Album ist. Wäre es dir wirklich wichtig, wärest du ehrlich, würdest du am Tag der Album-Veröffentlichung dein überschminktes Gesicht nicht in die Live-Instagram-Kamera halten, um mit großer Geste und noch größeren Tränen (gut, dass die Schminke wasserfest ist) immer wieder zu wiederholen, wieviel dir das alles bedeutet. So sehr, du kannst es nicht einmal in Worte fassen. Deine Berater haben es verschwitzt dir die passenden Worte vorzulegen. Ja, so ehrlich bist du. Sicherlich erlebtest auch du dunkle Zeiten, das glaube ich dir gerne. Du sagst, dass du sie in diesem Album verarbeitet hast. Warum ist dein groß angekündigtes Album dann so dermaßen platt?

Back-and-forth game, but I need some more.

Lena – Sex in the morning (ft. Ramz)

Sex in the morning. Sex gehört zur Liebe oder Geilheit dazu. Ist klar, da hast du Recht. Würdest du aber deine eigenen Zeilen nur einmal lesen, würde dir sämtliche Körperbehaarung zu Berge steigen, hättest du denn welche. Das Zurück und weiter Spiel. Aha.

We got the champagne for breakfast. Cigarettes for after action. So love me for the last time. Just keep doin‘ that bang.

Lena – Sex in the morning (ft. Ramz)

Bang, ja, autsch. Sich morgens an den Partner ranfummeln, den schlechten Mundgeruch ertragen und sich dennoch in die Höhle des Löwen trauen, kann zwar wirklich nur mit Liebe zu tun haben, aber Lena, wann hast du dich das, das letzte Mal getraut? Ohne Filter und Zähne putzen? You know, I just need some more, baby.