DU HAST KEINE WAHL

Das Herz. Da, wo es schlägt, ist Zuhause, wird oft behauptet. Dort, wo das lebensnotwendige Organ freudig und gerne weiterpumpt, ist Zuhause. Zuhause ist ähnlich wie bei der Lebenspartnerin, dem Lebenspartner, dem Freundeskreis: Man kann da immer noch selbst ein Wort mitsprechen, Veto einlegen, umziehen, weglaufen, Schluss machen. Dafür muss Mensch auf sein Herz hören, bildlich gesprochen, Ihr versteht. Mensch liebt Metapher.

Bei Familie und Heimat wird die Sache komplizierter. Da wird man reingeboren oder hingeklatscht, je nach Perspektive. Der Autor dieses Textes, wie auch seine Leserin und sein Leser haben sich ihre Familie sowie ihre Heimat ganz sicher nicht ausgesucht. Das ist wie Tombola spielen. Irgendwo kurz vor der Gebärmutter wird das Los gezogen, Augen zu und durch.

Familie ist wichtig, das wird oft gesagt und mag stimmen. Familie ist anstrengend, das mag auch stimmen. Familie ist alles, das mag gelegentlich stimmen, hoffentlich oft. Familie kann vieles sein. Familie kann mehr sein, als Du Dir je gewünscht hast, hättest Du Dir denn, kurz vor Tombolaziehung, was wünschen dürfen. Manchmal ist Familie viel zu wenig und man wünscht sich jeden Tag mehr, mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe, aber Du weißt, es ist nun, wie es ist, das ist eben Familie. Die Tombola ist unwiderruflich. 

Du kannst immer gehen, aber dann hast Du keine Familie mehr. Jeder und Jede hat immer nur einen Vater, eine Mutter oder zwei Väter oder zwei Mütter. 

Familie bleibt Familie. Und Du bekommst nicht immer, was Du verdienst. Es gibt nur ein Recht: das Recht auf Nichts. Irgendwo zwischen Erwartung und Realität ist Dein Platz, das hast Du Dir verdient.

In einem Podcast von „Zeit Verbrechen“ fällt irgendwann dieser Satz, dass Familie der gefährlichste Ort für einen Menschen ist. Das ist darauf zurückzuführen, dass Gewalt häufig innerhalb der eigenen Familie stattfindet. „Leider“, kann man sagen, aber auch „leider normal“. Normal, weil es ja oft schon schwer genug ist, mit den Menschen umzugehen, die man aus freien Stücken heraus in sein Leben gelassen hat.

Bei der Heimat wird es noch heikler. Jedes Land hat seine Kultur, gewissermaßen ein eigenes, ungeschriebenes Konzept, manche reden von Branding. Heimat fühlt sich bestenfalls wie Zuhause an. Was, wenn nicht? Was, wenn das Konzept einem nicht passt? Was, wenn Krieg ist? Was, wenn Selbstverwirklichung nicht mit der Wirklichkeit in der Heimat übereinstimmt? Man kann zwar umziehen in ein neues Zuhause, aber die Heimat selbst bleibt immer die Gleiche. Zuhause wird nie Heimat. Der Heimat kannst Du nie ganz entrinnen. Du kriegst sie nie aus Dir raus. Heimat und Familie, lästig und nötig, schwierig und einzigartig, beruhigend und nervenaufreibend. Es führt kein Weg an der Konfrontation vorbei, das ist sicher. Möglichkeiten gibt es immer, aber Wurzeln bleiben Wurzeln. 

Demnach ist es falsch, wenn behauptet wird, dass Du immer die Wahl hast. Du hast nicht immer die Wahl.

Zuerst veröffentlicht am 16. April 2019, Lëtzebuerger Journal