Es ist nicht einfach, sich für ein Thema zu entscheiden, sich festzulegen. Schon alleine, was über die letzten Tage alles passiert ist, lässt jeden Kopf rauchen. Auf jeden Fall aber den des Verfassers dieser Zeilen. So viele Neuigkeiten, so viele Eindrücke, die es zu verarbeiten gibt. Das ist einfach viel zu viel. 

Da gab es diesen Busunfall, ganz viele Tote, auf Madeira, es gab Terroranschläge in Sri Lanka, ganz viele Tote, es gab diese eine Komikerin, die nicht Komikerin genannt werden will, sondern Comedienne oder Stand-Up-Künstlerin, kein Scherz, und sich mit der AfD und einer Spiegel-Kritikerin anlegt(e), wie das alles zusammenhängt, könnt ihr selbst ergooglen. Dann gab es diesen Komiker, der nun Präsident der Ukraine ist, es gab irgendwas mit Fußball, denn irgendwas mit Fußball ist immer und diese Sache mit den Frauen und den Männern. Vor allem aber das ewige Gejammer der Männer und wie viel Angst sie haben, dass ihnen ihre Männlichkeit abhanden kommt, weil die Frauen nicht ungefragt begrabscht werden wollen und gleichberechtigte Bezahlung fordern. Ein Scherz, die Männer, echt, wirklich oft. Und natürlich in Paris, es brannte, der Glöckner weinte und sofort erklärten sich Milliardäre bereit, Millionen für die Reparierung der Kathedrale zu spenden. Dabei fehlte es vor kurzem noch an Mitteln (oder war es Willen?), die Menschen vorm Ertrinken im Mittelmeer zu bewahren. Aber die Kathedrale, ey, die Kathedrale. Einmal Heal the world für alle, ja, make it a better place, aber Michael Jackson, hat der nicht? Also, die Doku, habt ihr sie auch gesehen? Wollte der wirklich die Welt retten? Und als wäre alles das nicht schlimm und anstrengend genug, ist gestern auch noch Grand-Duc Jean gestorben, möge er in Frieden ruhen.

Einfach ist es nicht, hat auch nie jemand behauptet, wir müssen schließlich alle überleben, Miete oder die schicke Eigentumswohnung (ab)zahlen, unsere Beziehung vor dem Aus retten, ins Aus schicken, unsere Eltern besuchen, Eier suchen, Eier haben, uns im Restaurant übers kalte Essen beschweren …

Wir wissen erstaunlich viel, und genau das ist das Problem, wir haben die Wahl, jeden Tag, entscheiden nichts, schauen zu, laufen zur Arbeit, laufen nach Hause, zahlen, verdauen, duschen, schlafen, essen, machen Sport, zahlen, holen uns den Schein für die Weiterbildung ab, hüpfen zu lauter Rockmusik, gehen ins Theater, konnten uns identifizieren, lesen die Nachrichten, können es nicht fassen, grausam, Tote, jeden Tag, nur ich, nur wir, leben wir noch? Gehen wieder schlafen, stehen wieder auf, nachdem wir drei Mal auf Snooze drückten, posten wir auf Facebook, dass wir drei Mal auf Snooze drückten, freuen uns, dass unsere 4.000 Freunde auch drei Mal auf Snooze drückten, liken fünf Fotos auf Instagram, entfolgen denjenigen, der uns nicht zurückgefolgt hat, gehen zum Arzt, haben die Grippe, haben die Grippeimpfung hinter uns gebracht, schreiben eine Kolumne, schreiben rote Zahlen, schreiben schwarze Zahlen, sterben, werden geboren, stehen wieder auf, sonnen uns, lesen ein gutes Buch, schreiben Geschichte, suchen verzweifelt nach Gott, erschrecken zu unserem Spiegelbild, verlieren, gewinnen, nehmen uns wichtig, geben auf und machen weiter und kommen nie zum Punkt, es ist zu viel.

Zuerst veröffentlicht am 24. April 2019