NUR DA SEIN

M. hat soeben seine Arbeit beendet. Er steigt ins Auto, steht im immer gleichen Stau, macht immer an der gleichen Tankstelle Zwischenstopp, kauft sich einen Energy Drink, steigt erneut ins Auto ein und bringt den restlichen Weg hinter sich, trinkt die Dose leer. M. fährt nie gleich nach Hause, sondern in dieses Gebäude, mittig der langen Hauptstraße, in welchem Hoffnung, Verzweiflung und Angst sich gegenseitig abwechseln, er fährt nicht gerne hin, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, denn seine W. ist in diesem Haus zu Gast, auch Patientin und seine Freundin genannt.

Da M. tagtäglich hier zu Besuch ist, versucht er immer erst, einen kostenfreien Parkplatz zu finden, denn jeden Tag im Parkhaus sein Auto abstellen ist ganz schön kostenintensiv. 1,60 Euro pro Stunde, er ist mindestens zwei Stunden pro Tag zu Besuch, macht also 3,20 Euro täglich, also etwa 100 Euro im Monat. Das ist eine Menge Geld. Heute findet er leider keinen gratis Parkplatz für seinen Mini.

In der Lobby des entsprechenden Gebäudes angekommen, läuft er, wie auf Auto-Pilot eingestellt, zuerst zum dort zur Verfügung gestellten Desinfektionsstand, desinfiziert sich die Hände, vergisst die Zwischenräume der Finger nicht, geht zum Aufzug, geht hinein, drückt Nummer 2 und steigt im zweiten Stockwerk wieder aus, wo er sich gleich nochmal die Hände desinfiziert, da er doch die Aufzugknöpfe berührt hat. M. kennt den Weg zur zuständigen Station für seine geliebte W., er weiß immer genau wohin, nur ab und zu wechseln die Zimmer. Routine ist derweil die einzige Sicherheit. Ab heute ist es die Nummer 227, ein Spezialzimmer, wo W. für zwei Wochen untergebracht ist. Hier wird sie vor der Außenwelt geschützt. Jede Bakterie, jedes in der Luft schwebende Ding, weswegen W. auch die Fenster ihres Zimmers nicht öffnen darf, könnte für W. lebensbedrohlich sein, ihr Immunsystem ist sehr schwach. Ihr würde es sowieso an der nötigen Kraft fehlen, das Fenster zu öffnen.

Bevor M. das Zimmer betritt, zieht er schützende Kleidung und Plastik-Handschuhe an. M. mag das überhaupt nicht, als müsste er sie vor ihm schützen. Als wäre er eine Gefahr für sie, er, der sie so sehr liebt, er, der jeden Tag zu Besuch kommt. „Es ist besser so“, meinte die Krankenschwester und versuchte, mitfühlend zu schauen.W. schläft, die letzte Chemo war ganz besonders hart. Schlafen ist gut, vielleicht schläft die Krankheit dann mit, lässt sich mit ihren gierigen Fressattacken von innen etwas Zeit oder gibt auf, oder besser, überlebt nicht. Die Krankheit muss sterben, damit die Patientin leben kann. Die Krankheit ist ein Arschloch. Sie macht was sie will, sie geht über Leichen.

W. wacht kurz auf, sagt, dass ihr alles weh tut. M. antwortet, dass es ihm leid tut, fragt, ob er was machen kann, „du kannst nichts machen, nur da sein“, dann schläft W. wieder ein, M. hält ihre Hand, wie gerne er seine Handschuhe ausziehen würde, ihre Haut berühren, aber das darf er nicht, also ist er einfach nur da.

Zuerst veröffentlicht am 14. Mai 2019, Lëtzebuerger Journal