Es ist 21.51. Meine Hose ist schmutzig, ich liege in einem hängematte ähnlichen Ding beim Food, auf dem Food, im Food? Food For Your Senses, weil Fressen für die Sinne, alle Sinne werden gefüttert. 
Es riecht nach veganem Sex, alkoholhaltigen Minderjährigen und abschließender Jugendsünde. Es ist das letzte Festival dieser Reihe, Staffel, Generation? Deswegen heißt es im Untertitel FUNERAL FEAST, weil Beerdigung kommt immer zum Schluss, möge der Suff mit euch sein. Es ist vorbei, bye bye… fast Juni ist es auch.

Irgendwann kommen selbst Berufsjugendliche zu dem Punkt – sorry, mir krabbelt gerade ein grünes Insekt die rote Jacke hoch, und ich puste es umweltfreundlich, aber streng zurück in die marode Atmosphäre -, Berufsjugendliche also, kommen irgendwann zu dem Punkt, dass sie ihre Jugendträume, die Idee eines mega krass geil umsatzbringenden Musikfestivals BEGRABEN müssen. Nicht weit von dem Ort, wo sie, als Schüler, ihre ersten Ferienjobs hinter sich brachten. RTL grüßt freundlich in die Masse. Es hört auf, wo es begonnen hat.

WE WANT MORE, schreit die Meute, und ich frage mich, von was sie eigentlich mehr will? Mehr vom überteuerten Toast? Ein weiteres mies gezapftes Bier? Oder Sex? Wollt Ihr mehr Sex? Jaaaaaaa! Ach, fickt euch, am Ende müsst Ihr da alleine durch. Ihr wisst doch, dass die Zugabe mit eingeplant ist, Idioten. Jetzt stellt sich natürlich die Frage nach dem lyrischen Ich, äh Wir, lyrisches Wir, mir krabbelt das grüne Tier den Hals hoch, ich will jedenfalls nicht mehr. Ich puste, treffe das blöde Tier nicht, es krabbelt weiter, wir werden Freunde. Und Ihr so, äh, was krabbelt euch hoch? Bestenfalls nicht die Galle, höhöhö.

Neben mir versucht Kind A Kind B aus dem hängematte-ähnlichen Netzding zu befreien. Zwanzig Sekunden später hängen beide Kids fest. Ich sehe davon ab, den motorisch unbegabten Gören zu helfen. Warum schlafen die nicht? Geht nach Hause, Ihr nervt. Und nehmt Eure Eltern mit.

Jetzt gleich kommt der Headliner, Kate Tempest, oder war es Serge Tonnar? Ist auch egal. Wir sind alle gleich, wir sind Europa.

Jetzt ist sie da, auf der Bühne, Kate ist aus Großbritannien. 22.40. Wen sie wohl gewählt hat? Sie rappt viel über Verlust, beeindruckend, was und wen ein einziger Mensch so verlieren kann, seine Liebe, sein Land, sein Handy, sein Portemonnaie. Und wir dachten, blöd wie wir sind, Frieden für immer, nie wieder Krieg, auf jeden Fall nicht hier. Keine Zeit für Gemetzel. Kate rappt darüber, dass sie Gesichter liebt, I love people’s faces. Ich gucke sie mir an und weiß nicht mehr so recht, ob ich sie alle liebe, die Fratzen. Ich frage mich, was nach dem Ende eines Festivals folgen wird? Grüne Wiesen? Ein neues Festival? Es wird schon weitergehen, das wird es ganz sicher.

Zuerst veröffentlicht am 28. Mai 2019, Lëtzebuerger Journal