Kaffee oder Espresso? Nicht, wie irrtümlicherweise öfters behauptet wird, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, sondern das erste Getränk. 

Kaffee wird gerne von den Leuten getrunken, die überzeugt sind, dass sie jedes Getränk genießen müssen. Diejenigen, die die ganze Zeit über, dort wo sie Platz nehmen, etwas zu tun haben möchten. Sich Gedanken über ihr Getränk machen wollen. Das lenkt davon ab, über die eigene Existenz nachdenken zu müssen. Erst wird der Kaffee bestellt, der Kaffee kommt, dann die Milch, die extra, aber kostenfrei, dazu bestellt werden darf. Zucker, umrühren, und schon sind drei Minuten Lebenszeit vergangen, die nicht zur inneren Lebenskrise führten. Verdrängungskaffee. 

Dann wird ein erster Schluck getrunken, feststellend, dass das Getränk noch immer zu heiß ist. Das ist dann meistens der Moment, wo Kaffee und Mensch sich kurz uneinig sind, warum sie einander überhaupt brauchen. Warum etwas trinken, was viel zu heiß in der Tasse landet, trotzdem serviert wird, aber erst mal ungenießbar ist, im Laufe der folgenden Minuten kalt wird? Und logischerweise überhaupt nicht mehr trinkbar. 

Beim Espresso gibt es einen gravierenden Unterschied, und das ist sein Konsument. Der Espresso-Trinker setzt sich hin oder bleibt gar stehen, wie das oft in Portugal der Fall ist, kippt das Ding runter und verschwindet wieder, weil er zur Arbeit muss, noch zu tun hat, auf der Durchreise ist. Die andere Hälfte der Espresso-Trinker und -Trinkerinnen bleibt sitzen, lässt den Espresso in Ruhe kalt werden, es ist ihm egal, wie er schmeckt. Hauptsache, er hat das günstigste Getränk im Laden bestellt. Er liest Zeitung, den neuen Roman von Haruki Murakami oder Michel Houellebecq, arbeitet, zeichnet oder schaut einfach so vor sich hin. 

Ein großes Problem ist allerdings, dass es sehr schwierig ist, guten Espresso zu bekommen. Alle Bars bieten Espresso an, werben mit den Logos ihrer Lieferanten, aber sie geben sich nur selten Mühe, auch wirklich guten Espresso zu kochen. 

In den, durch sie selbsternannten coolen Städten wie Berlin oder Stockholm wird sich zwar darum bemüht, eine ordentliche Espresso/Kaffeekultur aufzubauen, aber Bemühung macht noch lange keine Kultur aus. Diese trendigen Koffeinbars sind zwar ganz stolz auf ihre Second-Hand-Sitze, selbst designten Porzellan-Tassen und von MacBooks betriebenen Kaffeemühlen, aber es fehlt letztendlich an Schlichtheit, ja, Geschmack und Kultur. Sollte der Espresso zum Trend-Getränk ausarten, ist er zum Scheitern verdammt. Und der Espresso-Trinker muss anfangen, Kaffee zu schlürfen, und der wird dann wiederum kalt, und am Ende müssen wir uns doch alle Gedanken, um unsere Existenz machen, und das führt notwendigerweise dazu, dass wir zu Tee-Trinkern werden und gerne morgens früh aufstehen, freiwillig Yoga-Übungen machen und auf Chia-Samen rumkauen. Das gilt es, zu verhindern, setzt euch für ordentlichen Espresso ein! Ok?

Zuerst veröffentlicht am 4. Juni 2019, Lëtzebuerger Journal