HITZE

Es wird warm. So warm, dass es irgendwann, in nicht mehr ganz so vielen Jahren, so sehr warm, ja, heiß ist, dass wir überhitzen und platzen. Hurra, die Welt geht unter. Wir sind weg, eine neue Welt kommt. Hard Fact: So wichtig sind wir nicht, aber jetzt, wo wir schon mal da sind, pusten wir weiterhin alle möglichen Abgase in die Luft. Erst die Zerstörung, so als wären wir für ewig. Und nach uns dann die Sintflut. Kein Land mehr in Sicht. Diese Zeit, dieser Übergang in den Sommer, von kalt zu warm, ist das eigentliche Silvester. Jahresendfest mitten im Jahr. 

Die Karten werden neu sortiert und geordnet. Wie waren die Monate davor? Fühlen sich die Kinder in der neuen Schule wohl? Ist der neue Job der richtige? Wie viele geile Sommer werde ich noch erleben? Welche Vorsätze habe ich für Anfang Herbst? Wo waren wir letzten Sommer? Oh zuhause. Und der Sommer davor? Auch zuhause. Vielleicht reicht es in den nächsten Jahren für einen superkrassen Urlaub. Mit einer Star-Alliance-Airline, Grand Hotel und anderen richtig tollen Sachen. Traumreise, Himmel auf Erden, Genuss pur, so versprechen es allemal die Plakate. Geld für Urlaub ist Luxus. Eine Selbstverständlichkeit für wohlhabende Menschen und die gut aufgestellte gehobene Mittelschicht. Das Bewusstsein, Luxus als Luxus, und nicht Selbstverständlichkeit zu erkennen, macht den entscheidenden Unterschied. Das ist klar, wird oft vergessen. First World Problems.

Es ist die Zeit der neuen Lebensabschnitte, Frauen und Frauen und Männer und Frauen und Männer und Männer versprechen sich die ewige Liebe und Verantwortung, die Kinder hinterher, eine richtige Familie, bis in alle Ewigkeit. Ein Versprechen unter der glühend heißen Sonne. Der schönste Tag im Leben. Vielleicht hält es ja bis in alle Ewigkeit. 

Neben mir sitzen zwei Männer, A. und B.. Im gleichen Augenblick, als sie sich hinsetzen, schauen sie einer hübschen blondhaarigen Frau, im Mini-Rock, hinterher. Zwar um Diskretion bemüht, aber in der Umsetzung nicht erfolgreich. »Auch nicht schlecht«, kommentiert A. das Gesehene, »aber erst reden wir über deine Gesundheit, die ist wichtiger. Wie geht es dir?«

»Es geht, weiß nicht so recht, was ich denken soll, ich lebe. Ich denke lieber nicht.«

B. nimmt jetzt Medikamente, »… Testosteron, etwas gegen das Zittern…«, er hat die Symptome von Alzheimer, aber kein Alzheimer. A. ist fassungslos, denn für Alzheimer ist B. eigentlich zu jung. Gut, dass es keiner ist. Trotzdem saublöd. B. hat zehn Kilogramm zugenommen, seit er die Medikamente nimmt. Einfach so, »obwohl ich sogar weniger esse, was ein Scheiß.« Er trinkt nicht einmal mehr Alkohol, ab und zu ein Glas Weißwein, weil, naja, der totale Verzicht ist auch nicht schön. »Besonders mit der neuen Situation, kann ja nicht schlimmer werden.« 

B. arbeitet nur noch zwanzig Stunden in der Woche. Stress sei wohl nicht gut, besonders nicht vor der Operation, wenn sie Letztere denn riskieren. Sie, die Ärzte. Ist kompliziert irgendwie und eben saublöd… A. fragt seinen Freund, ob er jetzt auch finanzielle Probleme bekommt. B. erklärt nur, dass das erst mal kein Problem sei, er sich diesbezüglich keine Gedanken machen will, die Gesundheit vorgeht. Ein Urlaub wird aber nicht drin sein. Zu riskant, »nach dem Sommer werden die Ärzte eine Entscheidung treffen… müssen… ich wohl auch.« Beide Männer nicken, das bestellte Essen wird vom Kellner auf den Tisch gestellt.

Der Kellner fragt mich, ob es mir nicht zu warm ist, in der prallen Sonne. Es ist auf jeden Fall viel zu warm, wie ich finde. Wie in Sizilien, sagt der Kellner. Und geht zum nächsten Tisch. Er hatte wohl nicht die Absicht, mir einen Schattenplatz zu besorgen. »Blöder Italiener«, denke ich. Und beschließe, dass ich das denken darf, dank meines Nachnamens. Wie dem auch sei. In Sizilien ist immerhin Meer, um sich eine Abkühlung zu verschaffen. Und Wind, da lässt sich die Hitze besser aushalten. Hier ist keine Luft, nur Autos, die pausenlos über die Hauptstraße, am Restaurant vorbei rasen.

Die Sonne blendet mir die Sicht auf mein Essen. Gut, dass das Sonnenlicht online nicht bewertet werden kann. Ausgezeichnete Hitze, gelegentlich von einer nicht allzugroßen Wolke verdeckt, etwas zu heftig in der direkten Auseinandersetzung, 8,8.

Ich pflege einen gesunden Selbsthass dafür, dass ich Bewertungen durchlese, bevor ich ein Hotel buche, einen Arzttermin vereinbare oder einen Tisch im Restaurant reserviere. Vielleicht ein guter Vorsatz für nächstes Jahr, äh, nächste Saison: Keine Bewertungen mehr lesen. Deutlich schlimmer: Bewertungen schreiben. Wer sich hinsetzt und ernsthaft, Punkt für Punkt, die negativen Erlebnisse aus dem letzten Ressort-Hotel-Urlaub niederschreibt, hat auch keinen Urlaub verdient. Unbegreiflicher sind nur noch solche, die gefühlt, Tag für Tag, über Facebook und Instagram verkünden, dass sie ihre Partnerin, ihren Hund, ihre Oma oder/und Steuerberaterin lieben. Da frage ich mich immer, warum das über die öffentlichen Kanäle mitgeteilt werden muss. Es reicht doch die Liebesbotschaften der entsprechenden Person oder dem Hund, unter vier Augen mitzuteilen. Erzähl mir doch nicht ständig, wie sehr du Jenny liebst. Erzähl es Jenny. Oder nicht? Denk da mal drüber nach.

»Ich denke da oft drüber nach«, sagt B., nachdem die beiden Mitte-Vierzigjährigen ihre Spaghetti-Teller geleert haben, »was mit meiner Kleinsten passiert, wenn es nach dem Sommer bergab gehen sollte, sie es nicht wegoperieren können.«

»Ja, das fragte ich mich auch letzten Sommer, als meine Frau und ich auseinander gingen, aber das ist vielleicht etwas anderes.«

»Ja, ich glaube, das ist was anderes.«

Ich frage nach der Rechnung, zahle zwanzig Euro. Davon sind zwei Euro Trinkgeld, etwas mehr als zehn Prozent. Ich kenne Leute, die nie Trinkgeld geben. Die gleichen Menschen, die zu viert für vier hundert Euro essen gehen, einzeln zu zahlen wünschen, die Rechnung genauestens auf Fehler überprüfen und debattieren, ob es fair ist, die Rechnung durch vier zu teilen, weil eine Person am Tisch ein Sprudelwasser mehr als die anderen hatte. Aber danach verkünden sie auf Instagram und Facebook, was für einen tollen Abend sie zusammen verbringen durften, Freunde sind doch das wichtigste. #nightoutwithfriends.

Ich steige ins Auto und finde es schade, dass ich dieses Auto brauche, immer wenn ich in Luxemburg bin. Ohne Auto könnte ich die Hälfte der Termine nicht wahrnehmen. Schon bald ist der öffentliche Transport zwar umsonst, aber was soll das bringen, wenn ich für acht Kilometer zwei Stunden benötige? Ein Elektro-Auto kann ich mir nicht leisten. Ohne viel Geld ist es nahezu unmöglich, die Umwelt zu retten. Die Solar-Platten auf dem Dach, die Bio-Tomaten aus dem Bio-Supermarkt, die nicht von Tierversuchen betroffenen Cremes, sie alle kosten überdurchschnittlich viel Geld und die meisten Menschen haben dieses nicht. Wie man es auch dreht, wird es wohl wirklich so sein, dass die Welt und Menschheit am Geld zugrunde geht. Und niemand interessiert es, so lange er oder sie genug Geld hat. Es ist gut möglich, dass es eine Lüge ist, dass dieser Gesellschaft das Wohl der Kinder, unserer Nachfahren, am wichtigsten ist. Der Plastik und die ertrinkenden Flüchtlinge im Meer. Die Rechten, die ins Europarlament einziehen. Die ungerechte Verteilung von arm und reich, die schlechte Integration von behinderten Menschen,…

Ich mache die Klimaanlage an, weil es so verdammt heiß ist, mein Kopf, die Gedanken kochen über. Die Maschine in der obersten Etage will nie Ruhe geben. Aber ich finde es schade, dass ich sie anmachen muss. Einfach nur aus dem Grund, weil ich kann, weil es geht, weil ich es nicht schaffe die paar Sonnentage im Jahr (ohne Meer) auszuhalten, den Schweiß laufen zu lassen, den Kopf ohne künstliche Kühlung auf ein normal denkendes Niveau runter zu holen. Immerhin habe ich diese Kolumne. Nach zehn Minuten sind es 20,5 Grad, das Gebläse ist auf stark eingestellt und ich kann meine Gedanken, die ich zu starkem Gebläse assoziiere, nicht zurückhalten. Für immer in der Pubertät. All diese Übergänge, erst von kalt zu warm, jetzt von warm zu kalt, von hungrig auf nicht hungrig, von kostenpflichtig auf kostenfrei, von hier nach da, von gesund auf krank auf hoffentlich gesund wieder, wie im Fall von B. Immer in einer Zwischenwelt zu Gast. Oder in den Worten von Lehrern und Lehrerinnen: Wir freuen uns auf den nächsten Urlaub. 

Ich hoffe, dass B. es schaffen wird, was auch immer er hat. Ich hoffe, dass wir es alle irgendwie schaffen. Du deine Ruhe im Urlaub bekommst. Du bald aus dem Krankenhaus entlassen wirst. Du es genießt, wenn es dir gut geht. Du nicht aufgibst, wenn du es schaffen kannst. Du den Plastikbecher durch irgendwas anderes ersetzt. Du den Müll trennst. Du auf Hass verzichtest.

Du kannst nie wissen, wie viele geile Sommer du noch erleben wirst.

Zuerst veröffentlicht in drei Teilen im Lëtzebuerger Journal, 2., 9. und 16. Juli 2019