WAS HABEN WIR GEMEINSAM?

Es ist keine einfache Entscheidung. Die für einen Menschen. Einen Einzigen. Die Suche nach ihm gestaltet sich oft als schwierig. Besonders dann, wenn es zu einer Suche wird. Wer sucht, findet ja selten was. Doch mit sich so ganz alleine abhängen, das ist auch nicht immer schön. Nicht auf lange Zeit.

Um uns herum viele glückliche Menschen. Solche, die so glücklich sind, dass es schwierig ist, ihnen ihr Glück, ganz ohne Zynismus, anerkennen zu wollen.

„Das kauf ich dir nicht ab“, wie es in Theaterkreisen heißt. Um uns herum, die vielen anderen Menschen. Die seit einigen Jahren alleine sind. Einige unter ihnen glücklich, viele nicht. Abends alleine einschlafen, und noch ein bisschen mehr alleine aufwachen. Eben die, die suchen.

Kurzer Blick auf die (auch nicht mehr so) neue Kennenlernkultur. Sie heißt App, Tinder, Bumble oder so ähnlich. Optimiertes Kennenlernen, sozusagen. Du sagst ihr, der App, was du am liebsten liest, Krimi oder Sachbuch? Was du am liebsten isst, vegan oder vollwert? Was du am liebsten trinkst, Smoothie oder Espresso? Was du arbeitest, Krankenpflegerin oder bildender Künstler? Und sie sagt dir, wen du in Zukunft lieben könntest. Ihr lest das gleiche Buch, ihr müsst euch lieben. In der realen Welt.

Kennenlernen beginnt also von vornherein mit einem appgesteuerten Ausschlussverfahren. Und beim Live-Treffen, obwohl du und anderes Du vegan isst, gerne Espresso trinkt und gleiche literarische Interessen vertretet, kommt ihr dennoch nicht zusammen. Die anschließend echten Treffen auf nicht-virtuellem Boden sind oft schon vorbei, bevor sie begonnen haben. Warum? Schwierig in Worte zu fassen. Hätte die Begegnung gleich ohne App stattgefunden, zufällig an der Kasse im Reformhaus, in einer Bar, im Klub, wäre es sofort klar: Nein, funktioniert nicht. Oder eben: Ja. Ja, tagtäglich begegnen uns Hunderte Blicke, manche leer, manche freundlich, traurig. Diese ersten Blicke (und mir ist durchaus bewusst, auf welchen abgedroschenen Spruch ich hier anspiele) gehen in der heutigen Zeit (und mir ist durchaus bewusst, dass ich jetzt wie so ein alter Klugscheißer klinge) fortwährend verloren. Einher mit allen anderen unmittelbaren Verbindungen, Augenkontakt, Geruchssinn. Das Essen kommt über Lieferdienst nach Hause, die Zahnbürste auch und der angehende Lieblingsmensch leider nicht. Alles ist möglich, nur die Menschlichkeit nicht.

Es ist eine Generation, die alles haben kann, so versprechen es die Apps, und die Generation sich selbst, effizient, sauber, schnell und gar nicht mal so teuer. Doch es fehlt an Direktheit. Risiko wird gemieden. Die Nähe, so abstrakt es auch klingen mag, geht verloren. Es gibt Tausende Kommunikationsmöglichkeiten, aber keine Kommunikation. Alle machen Yoga, niemand ist entspannt. Alle sind erreichbar, niemand zugänglich. Irgendwie so. Das ist alles nicht neu, ich weiß, aber wird hoffentlich nicht zur Regel. 

Zuerst veröffentlicht am 3. September 2019, Lëtzebuerger Journal