DER GUTE MENSCH 3/3

Es ist ein Wunder, dass Mensch sich noch nicht ausgerottet hat. Ja, das sagte ich letzte Woche. Heute, ein paar Tage nach den weltweiten Protesten für einen Klimawandel in Richtung Vernunft, hat er das immer noch nicht. Sich ausgerottet. Ja, Mensch geht sogar auf die Straße. 

Zusammen mit vielen anderen Menschen, Eltern, Aktivistinnen, Politikern, Lehrerinnen und Kindern. Weil ihnen gehört die Zukunft. Nicht allen Kindern allerdings, wie letztlich im „biersinnigen“ Freundeskreis in der Stammkneipe festgehalten wurde. 

Zum Beispiel war S., zusammen mit seinem Kind, auf der Straße. Ein Kind, das alles hat und haben muss, um nicht von anderen Kindern ausgeschlossen zu werden. Das Kind wollte unbedingt mit protestieren. Weil Greta. Weil die Schule das unterstützt. Weil IN: Umwelt, you know.

Diese konsumwahnsinnigen Eltern mit ihren konsumwahnsinnigen Kindern stellen sich also auf die Straße und sollen hüpfen, so lautete die Ansage von der Bühne, wenn sie auch gegen Geld sind. S. war sichtlich erschüttert. Es wurde gehüpft. Gegen Kapitalismus, für mehr Meer und weniger Müll. Wer nicht hüpfte, ist ein Arschloch. So von oben herab protestieren, bevor sich wieder alle zurück in ihre Eigentumswohnung in den vierten Stock, Sonnenseite, verkriechen. S. fand das… naja… irgendwie… Und sich freuen, dass sie die Besseren sind, mit ihren Bio-Baumwollpullis und Bio-Äpfeln. 

„JA GENAU“, fiel L. ins Wort, „vor unserer Haustür ersaufen die Flüchtlinge und wir halten ein paar recycelte Plakate mit bedeutungsschwangeren Inhalten, aber auf cool gemacht, in die Luft. Und Selfie, klar, was sonst? Um unsere Zukunft abzusichern. Und die ist garantiert, so lange es genug anderen Menschen schlecht geht. Das sagt keiner. Egoistische Wohlfühlscheiße alles.“

Jeder trinkt einen Schluck aus seinem Glas. Ist Bier nachhaltig? Höhö. Aber ernsthaft. Ja. Warum gehen nicht Millionen von Leuten auf die Straße, weil Tag für Tag Menschen ersaufen oder Kinderhände Wertstoffe für unser Smartphone aus irgendwelchen Pfützen fischen, irgendwelche traurigen und unterbezahlten Gestalten ihre Lungen verseuchen, weil sie unsere Jeans bleichen? Nicht zu vergessen die Veganer, die ernsthaft glauben, dass sie die Besseren sind, weil sie vegane Gold-Würste aus Soja und Chemie fressen. Nicht wie die armen Schlucker, mit ihrem 800-Euro-Monatslohn, Discount-Würstchen im Zehnerpack für 50 Cents. Ja, warum?

Auf der einen Seite, die Ü-40-Fraktion war sich eins, ganz einfach, weil wir Arschlöcher sind. Wir nur an uns denken. Nichts abgeben. Weiter günstig fliegen, weiter von allem zu viel kaufen wollen … „aber, aber,…“, hatte F. einen Einwand, gab aber auf. Auf seinem Handydisplay ploppte eine Erinnerung für Easy-Check-In in vierundzwanzig Stunden auf. 

Zweiter Versuch, seitens der U-40-Seite, „aber besser als gar nichts, und es ist nicht so, dass wir alle nur an uns denken wollen. Viele wollen auch wirklich was abgeben, sind bereit, ihr Konsumverhalten nachhaltig zu verändern, doch das ist alles nicht so einfach. CO2-Steuer auf alles… ja, das wäre es…“, erklärt Y, siebenundzwanzig Jahre alt. „Aber man muss doch auch…“, ein Anderer. Aber erst mal Prost. Neue Biere. Das ist alles nicht zu Ende gedacht, alles muss mehr so im Zusammenhang, ihr wisst schon, zum Beispiel, wenn… Verdammte Scheiße! Es ist nicht einfach, ein guter Mensch zu sein.

Zuerst veröffentlicht am 24. September 2019, Lëtzebuerger Journal