DIE REDUKTION

Meine Damen und Herren, es sind traurige Tage. Mir sind die ganze Klimakrise, die Kriege, die ungerechte Verteilung von Hab und Gut scheißegal. Sind sie mir nicht wirklich, aber derzeit schon. Du wirst mir das verzeihen, wir beide haben schließlich ein enges Verhältnis. 

Es ist Sonntagabend, und ich muss eine Kolumne für Dienstag schreiben. Du liest sie jetzt. Und ich frage mich jede Woche, immer wieder aufs Neue, was wichtig ist, was Dich bewegt, was mich bewegt, wie wir „diese beiden Dinge“ zusammenkriegen.

Ich denke, dass Verlust die Hölle ist. Menschlicher Verlust. Ich saß in diesem Raum und hörte zu, wie ich verlor. Wie mein Gegenüber verlor. Ich hörte jeden einzelnen Schritt, draußen, das waren Krankenpfleger, sie liefen hin und her, irgendjemand hatte Schmerzen, irgendjemand hatte Hunger, irgendjemand musste aufs Klo. 

Ich hörte, wie das durch Luft gepolsterte Bett das richtige Maß zwischen Fülle und Gemütlichkeit zu erreichen versuchte. Surrr. Surrr. Pffff. Pfff. Wie Atem, beständig, Rhythmus, Durchhaltevermögen. Mein Gegenüber hatte keins mehr. War das jetzt Frieden? War das die Suche nach Frieden? Draußen war es bereits dunkel, auch Nacht genannt. Ich schaute durch das große Fenster und lernte jedes Lichtlein persönlich kennen. Ich fragte mich, wie lange ich hier sitzen werde. Neben der Suche nach Frieden. Werden die Lichtlein ewig brennen? Nicht mehr als weitere sechs Stunden, wie sich herausstellen sollte. Irgendeine Tür knallt. Ich schaue nach, es war nicht der Tod. Glück gehabt. Dieser kündigt sich auch selten an, ist selten laut, aber er ist. Und Du erkennst ihn, wenn es so weit ist.

Meine Damen und Herren, die traurigen Zeiten hören auch irgendwann auf. Das ist ein Fakt, wenn auch selten tröstlich. Meine Damen und Herren, ich wünsche es mir so sehr, dass wir unsere Zeit, deine, meine, unsere, nicht mit unwichtigen Befindlichkeiten verschwenden. Ich wünsche mir, ich wünsche jedem, dass wir uns ganz genau überlegen, was wichtig und was es nicht ist. Ich wünsche jedem einzelnen Menschen, dass er nichts unausgesprochen lässt. Achtet darauf, dass Ihr die Schönheit als solche erkennt. Und wenn sie da ist, lasst sie nicht los. Das mag moralisch klingen, aber dann klingt es halt so. Mehr habe ich heute nicht zu schreiben.

Zuerst veröffentlicht am 1. Oktober 2019, Lëtzebuerger Journal